Der Australian Shepherd – Vielseitiger Hütehund mit Herz und Verstand
Trotz seines Namens stammt der Australian Shepherd nicht aus Australien, sondern wurde in den USA als vielseitiger Farmhund und Hütehund gezüchtet. Der „Aussie", wie er liebevoll genannt wird, hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer der beliebtesten Hunderassen in Deutschland entwickelt. Sein auffälliges Fell, seine strahlenden Augen und seine unermüdliche Arbeitsfreude begeistern viele Menschen. Doch der Australian Shepherd ist weit mehr als ein hübscher Hund – er ist ein anspruchsvoller Begleiter mit speziellen Bedürfnissen. In diesem Ratgeber erfährst du alles über seinen Charakter, die richtige Pflege und die rassetypischen Erkrankungen.
Steckbrief des Australian Shepherds
- Herkunft: USA (trotz des Namens!)
- FCI-Gruppe: Gruppe 1 – Hütehunde und Treibhunde
- Größe: 51 bis 58 cm (Rüden), 46 bis 53 cm (Hündinnen)
- Gewicht: 18 bis 32 kg
- Lebenserwartung: 12 bis 15 Jahre
- Fell: Mittellang, leicht gewellt bis glatt, dichte Unterwolle
- Farben: Black, Red, Blue Merle, Red Merle – jeweils mit oder ohne Kupfer und Weiß
- Wesen: Intelligent, arbeitswillig, loyal, aufmerksam, verspielt, sensibel
Charakter und Wesen des Australian Shepherds
Arbeitswille und Energie
Der Aussie ist ein Arbeitshund durch und durch. Er braucht eine Aufgabe und fühlt sich am wohlsten, wenn er gefordert wird – körperlich und geistig. Ohne ausreichende Beschäftigung wird er unruhig, nervös oder entwickelt Verhaltensauffälligkeiten wie exzessives Bellen, Zerstörungswut oder zwanghaftes Hüten von allem, was sich bewegt. Ein gelangweilter Australian Shepherd ist ein unglücklicher Australian Shepherd.
Loyalität und Familienbindung
Australian Shepherds sind ihren Menschen treu ergeben. Sie bauen eine enge Bindung zu ihrer Familie auf und folgen ihrem Lieblingsmenschen am liebsten auf Schritt und Tritt. Diese Anhänglichkeit hat eine Kehrseite: Viele Aussies neigen zu Trennungsangst, wenn sie zu wenig an das Alleinsein gewöhnt werden. Beginne früh mit dem Alleinbleib-Training.
Wachsamkeit und Territorialverhalten
Aussies sind aufmerksam und melden Besucher oder ungewöhnliche Geräusche. Bei manchen Individuen kann diese Wachsamkeit in übermäßiges Bellen oder Misstrauen gegenüber Fremden umschlagen, besonders wenn die Sozialisierung im Welpenalter vernachlässigt wurde.
Hütetrieb
Wie beim Border Collie ist der Hütetrieb auch beim Aussie stark ausgeprägt. Er zeigt sich durch Fixieren, Umkreisen und manchmal auch Kneifen in die Fersen. Im Zusammenleben mit Kindern, Katzen oder anderen Tieren muss dieser Trieb konsequent gemanagt werden.
Haltung und Auslastung
Bewegungsbedarf
Der Australian Shepherd braucht täglich mindestens 2 bis 3 Stunden aktive Beschäftigung. Dabei ist Abwechslung das Zauberwort:
- Ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen in der Natur
- Agility: Der Aussie ist wie geschaffen für Parcours-Arbeit
- Obedience: Anspruchsvolle Gehorsamsübungen fordern seinen Verstand
- Mantrailing und Fährtenarbeit: Nutzt seine feine Nase
- Tricktraining: Der Aussie lernt schnell und liebt Abwechslung
- Disc-Dog (Frisbee): Kombination aus Athletik und Spaß
- Hütearbeit: Ideal, wenn du Zugang zu Schafen oder einer Hütegruppe hast
Ruhephasen
Auch der Aussie muss lernen, zur Ruhe zu kommen. Trainiere von Welpenbeinen an feste Ruhephasen und belohne entspanntes Verhalten. Ein Hund, der nie abschalten kann, wird chronisch gestresst und anfälliger für stressbedingte Erkrankungen.
Erziehung
Die Erziehung des Australian Shepherds gelingt dank seiner Intelligenz und Kooperationsbereitschaft meist gut – wenn du konsequent und liebevoll bist. Beachte:
- Positive Verstärkung ist das Mittel der Wahl
- Frühzeitige und umfassende Sozialisierung ist entscheidend
- Impulskontrolle trainieren: Warten, Bleiben, Reize aushalten
- Hütetrieb in kontrollierte Bahnen lenken
- Sensibilität respektieren: Kein Schreien, keine harten Methoden
Pflege des Australian Shepherds
Fellpflege
Das mittellange Fell des Aussies mit seiner dichten Unterwolle braucht regelmäßige Pflege:
- Zwei- bis dreimal wöchentlich gründlich bürsten mit einer Zupfbürste oder einem Unterwollrechen
- Während des Fellwechsels (Frühjahr und Herbst) täglich bürsten – der Aussie verliert dann enorme Mengen an Unterwolle
- Besondere Aufmerksamkeit für die Bereiche hinter den Ohren, an der Brust, der Hose und unter den Achseln – hier verfilzt das Fell am schnellsten
- Nicht scheren! Das doppelschichtige Fell reguliert die Temperatur und schützt vor Sonne und Kälte. Scheren zerstört die Fellstruktur und kann zu dauerhaften Fellschäden führen
- Baden nur bei starker Verschmutzung
Ohrenpflege
Die Ohren sollten wöchentlich kontrolliert werden. Durch die leicht hängenden Ohren kann sich Feuchtigkeit stauen.
Zahnpflege
Regelmäßiges Zähneputzen beugt Zahnstein und Zahnfleischproblemen vor.
Krallenpflege
Die Krallen bei Bedarf kürzen. Besonders die Wolfskrallen an den Hinterläufen, die manche Aussies haben, nutzen sich nicht natürlich ab und können einwachsen.
Rassetypische Krankheiten und Gesundheit
MDR1-Gendefekt
Der MDR1-Gendefekt ist beim Australian Shepherd weit verbreitet – etwa 50 Prozent aller Aussies tragen mindestens eine Kopie des defekten Gens. Der Defekt führt zu einer Überempfindlichkeit gegen bestimmte Medikamente:
- Ivermectin (in manchen Wurmmitteln)
- Loperamid (Durchfallmittel)
- Bestimmte Narkosemittel und Zytostatika
Ein einfacher Gentest (Wangenabstrich oder Bluttest) gibt Klarheit. Jeder Aussie-Halter sollte den MDR1-Status seines Hundes kennen und jeden behandelnden Tierarzt darüber informieren. Die Wahl der richtigen Wurmkur ist bei MDR1-positiven Hunden besonders wichtig.
Hüftdysplasie (HD) und Ellbogendysplasie (ED)
HD und ED sind beim Aussie verbreitet. Beide Gelenkerkrankungen sind teilweise genetisch bedingt und führen zu Arthrose und Schmerzen. Seriöse Züchter lassen ihre Zuchttiere röntgen und bewerten. Achte beim Kauf auf die Gelenkwerte der Elterntiere.
Vorbeugende Maßnahmen:
- Kontrolliertes Wachstum durch bedarfsgerechte Fütterung im Welpenalter
- Kein Treppensteigen und kein Springen im Welpen- und Junghundalter
- Normalgewicht halten
- Muskulatur durch angepasste Bewegung aufbauen
Augenerkrankungen
Der Australian Shepherd ist leider anfällig für mehrere erbliche Augenerkrankungen:
- Collie Eye Anomaly (CEA): Fehlbildung der Netzhaut und Aderhaut, kann zur Erblindung führen
- Progressive Retinaatrophie (PRA): Langsamer Abbau der Netzhaut mit fortschreitender Sehverschlechterung bis zur Erblindung
- Katarakt (Grauer Star): Eintrübung der Linse, häufig erblich bedingt, kann operativ behandelt werden
- Iriskolobom: Angeborener Defekt der Regenbogenhaut, besonders bei Blue-Merle-Hunden
Regelmäßige Augenuntersuchungen durch einen spezialisierten Tierarzt sind für jeden Aussie empfehlenswert.
Merle x Merle – Warum diese Verpaarung tabu ist
Die Verpaarung zweier Merle-Hunde (Merle x Merle) ist in Deutschland aus gutem Grund durch das Tierschutzgesetz verboten. Sogenannte „Doppel-Merle"-Welpen (homozygot Merle, MM) können schwere Gesundheitsprobleme haben:
- Taubheit (ein- oder beidseitig)
- Blindheit oder stark eingeschränktes Sehvermögen
- Fehlbildungen der Augen (Mikrophthalmie)
- Übermäßig große weiße Fellbereiche
Kaufe niemals einen Welpen aus einer Merle-x-Merle-Verpaarung und melde solche Züchter dem zuständigen Veterinäramt.
Epilepsie
Auch beim Australian Shepherd kommt Epilepsie vor. Sie zeigt sich meist zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr und ist medikamentös gut behandelbar.
Autoimmunerkrankungen
Australian Shepherds haben eine gewisse Veranlagung für Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift:
- Autoimmune Schilddrüsenentzündung (Hashimoto): Führt zu einer Schilddrüsenunterfunktion
- Autoimmune hämolytische Anämie (AIHA): Das Immunsystem zerstört die roten Blutkörperchen
- Pemphigus: Autoimmune Hauterkrankung mit Blasenbildung und Krustenbildung
Allergien
Allergien treten beim Aussie relativ häufig auf – sowohl Futtermittelallergien als auch Umweltallergien (Gräser, Pollen, Hausstaubmilben). Typische Symptome sind Juckreiz, Hautrötungen und Ohrenentzündungen.
Ernährung des Australian Shepherds
Ein hochwertiges Hundefutter mit hohem Fleischanteil bildet die Grundlage für ein gesundes Aussie-Leben. Beachte:
- Bedarfsgerechte Fütterung anhand von Gewicht und Aktivitätsniveau
- Kontrolliertes Wachstum im Welpenalter – nicht zu energiereich füttern
- Normalgewicht halten, auch wenn der Aussie weniger zu Übergewicht neigt als manche anderen Rassen
- Bei Allergien: Ausschlussdiät unter tierärztlicher Begleitung
Für wen eignet sich der Australian Shepherd?
Der Aussie ist kein Anfängerhund und kein Couchpartner. Er eignet sich für:
- Aktive, erfahrene Hundehalter
- Sportliche Menschen, die Freude an Hundesport haben
- Familien mit älteren Kindern, die Hütetrieb managen können
- Menschen mit viel Zeit und Engagement für Beschäftigung und Erziehung
- Menschen, die auf dem Land oder mit Zugang zu Natur leben
Zusammenfassung
Der Australian Shepherd ist ein faszinierender, vielseitiger Hund, der mit der richtigen Haltung zu einem unvergleichlichen Begleiter wird. Sein Arbeitswille, seine Intelligenz und seine Loyalität machen ihn besonders für aktive, erfahrene Hundehalter zu einem traumhaften Partner. Gleichzeitig erfordert er viel Zeit, Engagement und Wissen über seine rassetypischen Gesundheitsrisiken. Lass deinen Aussie auf MDR1 testen, achte auf erbliche Augenerkrankungen und wähle einen verantwortungsvollen Züchter. Mit artgerechter Auslastung, liebevoller Konsequenz und regelmäßiger Vorsorge hast du in einem Australian Shepherd einen treuen, gesunden Begleiter für viele gemeinsame Abenteuer.