Welpenerziehung – der Grundstein für ein harmonisches Zusammenleben
Die ersten Wochen und Monate mit einem Welpen sind aufregend, wunderschön – und manchmal auch herausfordernd. Die Welpenerziehung beginnt vom ersten Tag an und legt den Grundstein für das gesamte Zusammenleben. In dieser Phase lernt dein Welpe die wichtigsten Regeln, entwickelt Vertrauen und eine enge Bindung zu dir. In diesem Ratgeber erfährst du die Grundlagen der Welpenerziehung, die ersten Kommandos und die häufigsten Fehler, die du vermeiden solltest.
Die Grundprinzipien der Welpenerziehung
1. Positive Verstärkung – das A und O
Moderne Hundeerziehung basiert auf positiver Verstärkung: Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes Verhalten wird ignoriert oder umgelenkt. Strafe, Schimpfen und körperliche Korrektionen sind kontraproduktiv – sie zerstören das Vertrauen und führen zu Angst und Unsicherheit.
Was als Belohnung funktioniert:
- Leckerlis (kleine, weiche Stückchen, die schnell gefressen werden)
- Verbales Lob (fröhliche, helle Stimme)
- Streicheln und Körperkontakt
- Spielzeug und Spiel
- Aufmerksamkeit
Wichtig: Die Belohnung muss innerhalb von 1-2 Sekunden nach dem gewünschten Verhalten kommen. Nur dann kann der Welpe die Verbindung herstellen.
2. Timing ist alles
Hunde leben im Moment. Wenn du deinen Welpen für ein Verhalten belohnen oder korrigieren willst, muss das sofort passieren. Fünf Sekunden später versteht der Welpe den Zusammenhang nicht mehr.
3. Konsistenz und Konsequenz
- Gleiche Regeln für alle: Alle Familienmitglieder müssen die gleichen Regeln durchsetzen. Wenn einer den Welpen aufs Sofa lässt und der andere nicht, ist der Welpe verwirrt.
- Gleiche Kommandos: Entscheide dich für ein Wort pro Kommando und bleib dabei. Nicht mal "Sitz", mal "Hinsetzen", mal "Setz dich".
- Immer durchsetzen: Wenn du ein Kommando gibst, sorge dafür, dass es ausgeführt wird. Gibt kein Kommando, das du nicht durchsetzen kannst.
4. Geduld und realistische Erwartungen
Ein Welpe ist ein Baby! Erwarte nicht, dass er nach drei Wiederholungen ein Kommando beherrscht. Welpen:
- Haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne (5-10 Minuten Training reichen!)
- Vergessen manchmal, was sie gestern gelernt haben
- Brauchen hunderte Wiederholungen, bis ein Kommando sitzt
- Haben "Teenager-Phasen" mit 5-8 Monaten, in denen sie Grenzen testen
Sozialisierung – das Zeitfenster nutzen!
Die Sozialisierungsphase (ca. 3.-16. Lebenswoche) ist die wichtigste Phase im Hundeleben. Was dein Welpe in dieser Zeit kennenlernt und positiv verknüpft, wird er sein Leben lang besser bewältigen.
Was dein Welpe kennenlernen sollte
Menschen:
- Männer, Frauen, Kinder, ältere Menschen
- Menschen mit Hüten, Brillen, Bärten, Gehstöcken
- Menschen in Uniform, mit Regenschirmen
Andere Tiere:
- Andere Hunde (verschiedene Größen und Rassen)
- Katzen (wenn möglich)
- Nutztiere (Pferde, Kühe, Schafe)
Umgebungen:
- Stadt und Land
- Verschiedene Bodenbeläge (Gitter, Gras, Sand, Kies, Asphalt)
- Treppen, Aufzüge, Brücken
- Auto, Bus, Bahn
Geräusche:
- Staubsauger, Waschmaschine, Föhn
- Straßenverkehr
- Feuerwerk und Gewitter (über Geräusch-CDs vorsichtig heranführen)
- Kinder, die spielen und schreien
Wie du richtig sozialisierst
- Qualität vor Quantität: Lieber wenige positive Erfahrungen als viele überwältigende
- Nicht überfordern: Wenn der Welpe Angst zeigt, mehr Abstand nehmen und die Intensität reduzieren
- Positiv verknüpfen: Neue Erfahrungen mit Leckerlis, Spiel und Lob verbinden
- Impfschutz beachten: Bis zur vollständigen Grundimmunisierung keine Hundewiesen oder stark frequentierte Bereiche – aber Welpenkurse bei seriösen Hundetrainern sind in der Regel sicher
Die ersten und wichtigsten Kommandos
"Sitz"
Das einfachste und wichtigste Kommando für den Anfang:
- Halte ein Leckerli über die Nase deines Welpen
- Führe das Leckerli langsam über seinen Kopf nach hinten
- Der Welpe wird automatisch den Hintern senken, um nach oben zu schauen
- Sobald er sitzt: "Sitz!" sagen und sofort das Leckerli geben
- Wiederholen, wiederholen, wiederholen
"Platz"
- Lass deinen Welpen "Sitz" machen
- Halte ein Leckerli vor seine Nase und führe es langsam zum Boden
- Führe das Leckerli am Boden nach vorne weg
- Der Welpe folgt mit der Nase und legt sich hin
- Sofort "Platz!" sagen und belohnen
"Hier" / "Komm" (Rückruf)
Der Rückruf ist das wichtigste Kommando für die Sicherheit deines Hundes:
- Beginne im Haus oder im eingezäunten Garten
- Ruf deinen Welpen enthusiastisch: "[Name], hier!"
- Geh dabei in die Hocke und breite die Arme aus (einladende Körpersprache)
- Wenn er kommt: Überschwängliches Lob und die besten Leckerlis (Käse, Wurst – etwas Besonderes!)
- Niemals den Welpen rufen und dann etwas Unangenehmes folgen lassen (Anleinen und nach Hause, Baden, Schimpfen)
- Der Rückruf muss immer positiv verknüpft sein!
"Bleib"
- Lass deinen Welpen "Sitz" oder "Platz" machen
- Halte die flache Hand vor ihn (Stoppsignal) und sage "Bleib!"
- Mache einen kleinen Schritt zurück
- Sofort zurückkommen und belohnen, wenn er geblieben ist
- Die Distanz und Dauer langsam steigern
- Wenn er aufsteht: Kein Problem – zurück auf Anfang, kürzer und einfacher üben
"Aus" / "Nein"
- "Aus" für das Loslassen von Gegenständen
- Tausche: Der Welpe lässt den Gegenstand fallen, dafür bekommt er ein Leckerli oder ein gleichwertiges Spielzeug
- Niemals am Gegenstand zerren – das macht es für den Welpen zum Spiel und verstärkt das Festhalten
Leinenführigkeit
Leinenführigkeit ist kein Kommando, sondern ein Verhalten, das trainiert werden muss:
- Die Leine darf nie gespannt sein – wenn der Welpe zieht, bleibst du stehen
- Sobald die Leine locker ist → Weitergehen und belohnen
- Wechsle häufig die Richtung – so muss der Welpe auf dich achten
- Belohne die Position neben deinem Bein mit Leckerlis
- Geduld! Leinenführigkeit gehört zu den schwierigsten Übungen und braucht Wochen bis Monate
Stubenreinheit
Die Stubenreinheit ist oft die erste große Erziehungsaufgabe. Die wichtigsten Regeln:
- Häufig rausgehen: Nach jedem Aufwachen, nach jeder Mahlzeit, nach dem Spielen, alle 2-3 Stunden
- Immer an die gleiche Stelle im Garten oder vor dem Haus
- Überschwänglich loben, wenn der Welpe draußen sein Geschäft macht
- Unfälle drinnen kommentarlos aufwischen – Schimpfen bringt nichts und macht den Welpen nur unsicher
- Enzymatischen Reiniger verwenden, um Gerüche vollständig zu entfernen
Beißhemmung lernen
Welpen beißen – das ist normal und kein Zeichen von Aggression. Im Spiel mit Geschwistern lernen sie, wie fest sie zubeißen dürfen. Da dein Welpe nun bei dir lebt, musst du ihm beibringen, dass menschliche Haut empfindlicher ist:
- Wenn der Welpe zu fest beißt: "Au!" – laut und kurz (wie ein Welpe, der gepiepst wird)
- Spiel sofort unterbrechen, aufstehen, den Welpen kurz ignorieren (10-20 Sekunden)
- Dann weiterspielen
- Immer eine Alternative anbieten (Kauspielzeug)
- Die Toleranzschwelle nach und nach senken – am Ende sollte kein Zähnekontakt mit der Haut mehr stattfinden
Häufige Fehler in der Welpenerziehung
Fehler 1: Zu viel, zu schnell
Überfordere deinen Welpen nicht mit endlosem Training. Kurze Einheiten (3-5 Minuten) mehrmals am Tag sind effektiver als eine halbe Stunde am Stück.
Fehler 2: Inkonsequenz
Der Welpe darf heute aufs Sofa und morgen nicht? Er bekommt beim Essen etwas vom Tisch, wenn er niedlich genug bettelt? Inkonsequenz ist der größte Feind der Erziehung.
Fehler 3: Strafen und Schimpfen
- Niemals den Welpen anschreien, schubsen oder am Nackenfell packen
- Strafen erzeugen Angst und Misstrauen
- Der Welpe versteht nicht, WARUM du wütend bist – er lernt nur, dass du unberechenbar bist
Fehler 4: Zu spätes Reagieren
"Na warte, wenn wir nach Hause kommen..." – der Welpe hat nach wenigen Sekunden vergessen, was er getan hat. Verspätete Strafe ist sinnlos und schadet nur dem Vertrauen.
Fehler 5: Übermäßiges Tragen und Beschützen
Lass deinen Welpen die Welt selbst erkunden. Wenn du ihn bei jedem fremden Hund oder Geräusch hochhebst, lernt er: "Hier gibt es etwas, vor dem ich geschützt werden muss." Das fördert Angst statt Selbstvertrauen.
Fehler 6: Keine Ruhephasen
Welpen brauchen 18-20 Stunden Schlaf am Tag! Zu viel Action, Besuch und Aufregung überfordert den Welpen. Sorge für feste Ruhezeiten und einen ruhigen Rückzugsort.
Fehler 7: Alleine lassen ohne Training
Alleinebleiben muss schrittweise geübt werden – nicht vom ersten Tag auf acht Stunden. Beginne mit wenigen Sekunden und steigere langsam auf Minuten, dann Stunden.
Welpenkurs – ja oder nein?
Ein guter Welpenkurs bei einem qualifizierten Hundetrainer ist unbedingt empfehlenswert:
Was ein guter Welpenkurs bietet:
- Kontrollierte Sozialisierung mit gleichaltrigen Welpen
- Anleitung für die Grundkommandos
- Tipps für den Alltag (Stubenreinheit, Beißhemmung, Leinenführigkeit)
- Austausch mit anderen Welpenbesitzern
Woran du einen guten Trainer erkennst:
- Arbeitet mit positiver Verstärkung
- Kleine Gruppen (maximal 6-8 Welpen)
- Teilt nach Größe und Alter ein
- Lässt Welpen nicht einfach „spielen und unter sich ausmachen"
- Erklärt, warum er etwas tut
Warnzeichen für schlechte Trainer:
- Einsatz von Starkzwangmitteln (Stachelhalsbänder, Sprühhalsbänder, Wurfketten)
- „Dominanztheorie" und „Alpha-Rolle"
- Körperliche Korrektionen
- Überfüllte Gruppen ohne Struktur
Zusammenfassung
Die Welpenerziehung basiert auf positiver Verstärkung, Geduld und Konsequenz. Nutze die wichtige Sozialisierungsphase, um deinen Welpen mit möglichst vielen Situationen, Menschen und Tieren vertraut zu machen. Trainiere die Grundkommandos in kurzen, spielerischen Einheiten und belohne jedes gewünschte Verhalten sofort. Vermeide Strafen, sei konsequent und sorge für ausreichend Ruhephasen. Ein guter Welpenkurs ist eine wertvolle Investition in eure gemeinsame Zukunft. Mit der richtigen Erziehung legst du den Grundstein für einen souveränen, freundlichen und alltagstauglichen Hund.