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Hund – Gesundheit18.2.2026

Epilepsie beim Hund – Symptome, Diagnose und Therapie

Was ist Epilepsie beim Hund?

Epilepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung, bei der es zu wiederholten Krampfanfällen kommt. Diese Anfälle entstehen durch eine plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladung im Gehirn – vergleichbar mit einem „Kurzschluss". Epilepsie ist die häufigste neurologische Erkrankung beim Hund und betrifft etwa 0,5–5 % aller Hunde.

Formen der Epilepsie

Idiopathische (primäre) Epilepsie:

  • Die häufigste Form beim Hund
  • Genetisch bedingt – keine strukturelle Hirnschädigung nachweisbar
  • Tritt typischerweise im Alter von 1–5 Jahren erstmals auf
  • Lebenslange Erkrankung, aber gut behandelbar

Strukturelle (sekundäre) Epilepsie:

  • Anfälle werden durch eine nachweisbare Ursache im Gehirn ausgelöst:

- Hirntumore

- Entzündungen (Enzephalitis, Meningitis)

- Schädel-Hirn-Trauma

- Missbildungen

- Schlaganfall

Reaktive Krampfanfälle:

  • Ausgelöst durch Faktoren außerhalb des Gehirns:

- Vergiftungen (Schokolade, Xylit, Schneckenkorn)

- Unterzuckerung (Hypoglykämie)

- Lebererkrankungen (hepatische Enzephalopathie)

- Elektrolytstörungen

- Nierenversagen

Besonders betroffene Rassen

Bei diesen Rassen tritt idiopathische Epilepsie gehäuft auf:

  • Labrador Retriever
  • Golden Retriever
  • Deutscher Schäferhund
  • Beagle
  • Border Collie
  • Australian Shepherd
  • Belgischer Schäferhund
  • Irish Setter
  • Berner Sennenhund

Wie sieht ein epileptischer Anfall aus?

Generalisierter (Grand-mal-)Anfall

Der typische und bekannteste Anfallstyp:

Phase 1: Aura (Vorphase, Sekunden bis Minuten)

  • Unruhe, Anhänglichkeit, Verstecken
  • Speicheln, Lecken, Gähnen
  • Hund wirkt „anders" – manche Besitzer spüren, dass ein Anfall kommt

Phase 2: Iktus (der eigentliche Anfall, 30 Sekunden bis 3 Minuten)

  • Hund fällt auf die Seite und wird steif (tonische Phase)
  • Ruderbewegungen der Beine (klonische Phase)
  • Bewusstlosigkeit – der Hund ist nicht ansprechbar
  • Speichelfluss (Schaum vor dem Mund)
  • Unwillkürliches Urinieren und/oder Koten
  • Kieferkrämpfe – Kiefer klappert
  • Pupillen weit geöffnet

Phase 3: Postiktal (Nachphase, Minuten bis Stunden)

  • Desorientierung, Verwirrung
  • Blindheit (vorübergehend)
  • Übermäßiger Hunger oder Durst
  • Erschöpfung und Schlaf
  • Unruhe, Winseln
  • Kann Minuten bis mehrere Stunden dauern

Fokaler (partieller) Anfall

Betrifft nur einen Teil des Gehirns:

  • Zucken einer Gesichtshälfte oder eines Beins
  • Fliegenschnappen (Hund schnappt nach imaginären Fliegen)
  • Speicheln
  • Verhaltensauffälligkeiten (starrer Blick, Kreislaufen)
  • Hund kann bei Bewusstsein bleiben
  • Kann in einen generalisierten Anfall übergehen

Erste Hilfe beim Krampfanfall

Was du tun solltest

  1. Ruhe bewahren! Der Anfall sieht schlimmer aus, als er für den Hund ist. Er hat während des Anfalls keine Schmerzen.
  2. Umgebung sichern: Entferne Gegenstände, an denen sich der Hund verletzen könnte. Schiebe Möbel zur Seite.
  3. Nicht anfassen! Versuche nicht, den Hund festzuhalten oder den Krampf zu unterbrechen. Du kannst dabei gebissen werden.
  4. Nicht in das Maul greifen! Der Hund verschluckt seine Zunge NICHT. Finger im Maul eines krampfenden Hundes = Bissverletzung.
  5. Licht und Lärm reduzieren: Verdunkle den Raum, schalte TV und Radio aus.
  6. Zeit stoppen: Notiere, wie lange der Anfall dauert – wichtig für den Tierarzt.
  7. Video aufnehmen: Wenn möglich, filme den Anfall – das hilft dem Tierarzt bei der Diagnose enorm.
  8. Nach dem Anfall: Bleib bei deinem Hund, beruhige ihn leise, biete Wasser an.

🚨 Wann sofort zum Tierarzt?

  • Anfall dauert länger als 5 Minuten – Status epilepticus, NOTFALL!
  • Mehrere Anfälle hintereinander ohne vollständige Erholung dazwischen (Clusteranfälle)
  • Erster Anfall – immer abklären lassen
  • Hund kommt nicht zu sich oder ist stundenlang desorientiert
  • Fieber nach dem Anfall
  • Vergiftungsverdacht

Status epilepticus – der Notfall

Ein Anfall, der länger als 5 Minuten dauert oder mehrere Anfälle ohne Erholungspause, ist ein lebensbedrohlicher Notfall. Ohne Behandlung kann es zu Hirnschäden, Überhitzung und Tod kommen.

Bei Hunden mit bekannter Epilepsie: Dein Tierarzt kann dir rektales Diazepam (Notfallmedikament) für zu Hause verschreiben, das du bei einem verlängerten Anfall verabreichen kannst.

Diagnose

Anamnese (Vorbericht)

  • Detaillierte Beschreibung der Anfälle (Video!)
  • Häufigkeit und Dauer
  • Verhalten vor und nach dem Anfall
  • Medikamente und Futter
  • Familiengeschichte

Untersuchungen

Allgemeine und neurologische Untersuchung:

  • Reflexe, Koordination, Hirnnerven
  • Zwischen den Anfällen oft völlig normal

Blutuntersuchung:

  • Blutbild, Organwerte (Leber, Niere), Blutzucker, Elektrolyte, Schilddrüse
  • Wichtig zum Ausschluss reaktiver Ursachen

MRT (Magnetresonanztomographie):

  • Goldstandard zur Untersuchung des Gehirns
  • Zeigt Tumoren, Entzündungen, Missbildungen
  • Erfordert Vollnarkose

Liquoruntersuchung (Nervenwasser):

  • Wird bei der MRT-Narkose oft gleichzeitig entnommen
  • Ausschluss von Entzündungen und Infektionen

EEG (Elektroenzephalogramm):

  • In der Tiermedizin selten routinemäßig durchgeführt, aber möglich

Diagnose „idiopathische Epilepsie"

Idiopathische Epilepsie ist eine Ausschlussdiagnose: Wenn alle Untersuchungen (Blut, MRT, Liquor) unauffällig sind und der Hund im typischen Alter ist, wird die Diagnose gestellt.

Behandlung

Wann wird mit Medikamenten begonnen?

Nicht jeder Hund mit Epilepsie braucht sofort Medikamente. Die Therapie wird empfohlen bei:

  • Mehr als 2 Anfälle in 6 Monaten
  • Clusteranfälle (mehrere Anfälle innerhalb von 24 Stunden)
  • Status epilepticus (auch einmalig!)
  • Anfälle werden häufiger oder schwerer
  • Anfälle dauern länger als 3 Minuten

Medikamente

Phenobarbital (Luminal):

  • Mittel der ersten Wahl in Europa
  • Wirkung: Dämpft die Erregbarkeit der Nervenzellen
  • Nebenwirkungen: Anfangs Müdigkeit, vermehrter Durst und Hunger, langfristig mögliche Leberschädigung
  • Regelmäßige Blutkontrollen (Medikamentenspiegel + Leberwerte) nötig

Kaliumbromid:

  • Zweite Wahl oder als Kombination mit Phenobarbital
  • Besonders geeignet bei Hunden mit Lebervorbelastung
  • Nebenwirkungen: Vermehrter Durst und Hunger, selten Ataxie (Gangunsicherheit)
  • Achtung: Salzgehalt im Futter beeinflusst den Bromidspiegel!

Imepitoin (Pexion):

  • Neueres Antiepileptikum speziell für Hunde
  • Weniger Nebenwirkungen als Phenobarbital
  • Gut für milde Epilepsieformen
  • Bei schwerer Epilepsie oft nicht ausreichend wirksam

Levetiracetam (Keppra):

  • Gut verträglich
  • Oft als Add-on-Medikament bei schlecht kontrollierter Epilepsie
  • Höhere Kosten

Wichtige Regeln für die Therapie

  • Nie eigenmächtig absetzen! Abruptes Absetzen von Epilepsie-Medikamenten kann schwere Krampfanfälle auslösen.
  • Regelmäßig geben: Immer zur gleichen Uhrzeit, keine Dosis auslassen.
  • Regelmäßige Kontrollen: Blutspiegelbestimmung und Organwerte alle 6 Monate.
  • Anfallstagebuch führen: Datum, Uhrzeit, Dauer, Art des Anfalls – hilft dem Tierarzt bei der Therapieanpassung.
  • Geduld: Es kann Wochen dauern, bis die richtige Dosierung gefunden ist.

Ziel der Therapie

Das Ziel ist nicht komplette Anfallsfreiheit (das gelingt nur bei ca. 15–25 % der Hunde), sondern:

  • Reduzierung der Anfallshäufigkeit
  • Reduzierung der Anfallsschwere
  • Verhinderung von Status epilepticus und Clusteranfällen
  • Gute Lebensqualität

Leben mit einem epileptischen Hund

Alltag anpassen

  • Routine beibehalten: Regelmäßige Futter- und Medikamentenzeiten
  • Stress vermeiden: Übermäßige Aufregung kann Anfälle triggern
  • Sicheres Umfeld: Kein unbeaufsichtigtes Schwimmen (Ertrinkensgefahr bei Anfall!), Treppen sichern
  • Hundeschule und Sport: Bei gut eingestellter Epilepsie durchaus möglich, aber keine Extrembelastungen
  • Hitze vermeiden: Überhitzung kann Anfälle begünstigen
  • Andere Hundebesitzer informieren: Falls ein Anfall beim Gassi-Gehen auftritt

Anfallstagebuch

Führe ein Tagebuch mit folgenden Informationen:

  • Datum und Uhrzeit des Anfalls
  • Dauer
  • Art des Anfalls (generalisiert, fokal)
  • Mögliche Auslöser (Stress, Wetter, Schlafmangel)
  • Verhalten vor und nach dem Anfall
  • Medikamentengabe

Prognose

  • Idiopathische Epilepsie: Die meisten Hunde können mit Medikamenten ein normales, gutes Leben führen. Die Lebenserwartung ist bei gut eingestellter Epilepsie nur geringfügig reduziert.
  • Strukturelle Epilepsie: Die Prognose hängt von der Grunderkrankung ab (Tumoren haben eine schlechtere Prognose als z. B. behandelbare Entzündungen).
  • Etwa 60–70 % der Hunde sprechen gut auf die Behandlung an.
  • Ca. 20–30 % haben eine schwer kontrollierbare (therapieresistente) Epilepsie.

Zusammenfassung

Epilepsie ist beim Hund die häufigste neurologische Erkrankung und in den meisten Fällen gut behandelbar. Die Diagnose erfordert eine gründliche Abklärung zum Ausschluss anderer Ursachen. Mit den richtigen Medikamenten, regelmäßigen Kontrollen und einem angepassten Alltag können die meisten Hunde mit Epilepsie ein glückliches Leben führen. Beim Anfall selbst heißt es: Ruhe bewahren, Umgebung sichern, Zeit stoppen – und bei Anfällen über 5 Minuten sofort zum Tierarzt. Ein Anfallstagebuch und Videos der Anfälle sind die wertvollsten Hilfsmittel für deinen Tierarzt.