Was ist eine Schilddrüsenunterfunktion?
Die Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) gehört zu den häufigsten hormonellen Erkrankungen beim Hund. Die Schilddrüse – ein kleines, schmetterlingsförmiges Organ am Hals – produziert zu wenig Schilddrüsenhormone (T3 und T4). Da diese Hormone den gesamten Stoffwechsel steuern, hat ein Mangel Auswirkungen auf praktisch jeden Bereich des Körpers. Der Hund wird langsamer, dicker und verliert sein Fell – um nur die auffälligsten Symptome zu nennen. Die gute Nachricht: Eine Schilddrüsenunterfunktion lässt sich mit einer täglichen Tablette gut behandeln, und betroffene Hunde können ein völlig normales Leben führen.
Ursachen der Schilddrüsenunterfunktion
Primäre Hypothyreose
In über 95 Prozent der Fälle liegt das Problem in der Schilddrüse selbst. Die häufigsten Ursachen sind:
- Lymphozytäre Thyreoiditis: Eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse angreift und nach und nach zerstört. Dies ist die häufigste Ursache und hat eine genetische Komponente.
- Idiopathische Schilddrüsenatrophie: Das funktionelle Schilddrüsengewebe wird ohne erkennbare Entzündung durch Fettgewebe ersetzt. Die Ursache ist unbekannt.
Sekundäre Hypothyreose
Seltener (weniger als 5 Prozent der Fälle) liegt die Ursache in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), die zu wenig TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) produziert und damit die Schilddrüse nicht ausreichend anregt.
Welche Hunde sind betroffen?
- Alter: Die meisten Hunde erkranken zwischen 4 und 10 Jahren.
- Rassen: Besonders häufig betroffen sind Golden Retriever, Labrador Retriever, Dobermann, Irischer Setter, Boxer, Cocker Spaniel, Dackel und Riesenschnauzer.
- Geschlecht: Kastrierte Hunde scheinen etwas häufiger betroffen zu sein als intakte, wobei das Geschlecht selbst keinen großen Unterschied macht.
Symptome der Schilddrüsenunterfunktion
Die Symptome entwickeln sich schleichend über Monate bis Jahre. Viele Besitzer bemerken sie erst, wenn sie recht ausgeprägt sind. Da die Schilddrüsenhormone den gesamten Stoffwechsel beeinflussen, sind die Symptome vielfältig.
Stoffwechsel und Allgemeinbefinden
- Gewichtszunahme ohne vermehrtes Fressen: Eines der häufigsten und auffälligsten Symptome. Der Hund nimmt zu, obwohl er nicht mehr frisst als sonst.
- Trägheit und Bewegungsunlust: Dein Hund ist weniger aktiv, wirkt müde und hat keine Lust auf Spaziergänge oder Spiel.
- Kälteempfindlichkeit: Der Hund sucht warme Plätze und friert schneller.
- Verlangsamter Herzschlag (Bradykardie): Das Herz schlägt langsamer als normal.
Haut und Fell
Die Haut ist eines der am häufigsten betroffenen Organe:
- Haarausfall: Typisch ist symmetrischer Haarausfall an den Flanken, der Rute („Rattenschwanz"), am Bauch und an der Nase. Das Fell wächst nach dem Scheren nur langsam oder gar nicht nach.
- Dünnes, stumpfes Fell: Das Fell verliert seinen Glanz und wird brüchig.
- Verdickung der Haut: Die Haut kann sich verdicken und faltig werden, besonders im Gesicht (manchmal als „tragic face" oder „trauriger Gesichtsausdruck" beschrieben).
- Dunkle Hautverfärbungen (Hyperpigmentierung): Besonders an haarlosen Stellen.
- Wiederkehrende Hautinfektionen: Häufige bakterielle Hautinfektionen oder Ohrenentzündungen.
- Schuppige Haut: Übermäßige Schuppenbildung (Seborrhoe).
Nervensystem
- Faziale Lähmungen: Hängende Lippe, hängendes Augenlid auf einer Seite.
- Vestibulärsyndrom: Gleichgewichtsstörungen, Kopfschiefhaltung, Kreislaufen.
- Polyneuropathie: Schwäche, unsicherer Gang, Muskelschwund.
Weitere Symptome
- Fruchtbarkeitsstörungen: Bei Hündinnen ausbleibende oder unregelmäßige Läufigkeit, bei Rüden verminderte Libido.
- Erhöhte Blutfettwerte: Cholesterin und Triglyceride sind im Blut erhöht.
- Blutarmut (Anämie): Eine milde, nicht regenerative Anämie kommt häufig vor.
Diagnose
Die Diagnose einer Schilddrüsenunterfunktion klingt simpel – Schilddrüsenwerte messen –, ist in der Praxis aber oft knifflig.
Blutuntersuchung
- Gesamt-T4 (TT4): Der erste Screening-Test. Ein niedriger TT4-Wert ist verdächtig, aber nicht beweisend. Viele andere Erkrankungen und Medikamente können den T4-Wert senken (sogenanntes „Euthyroid Sick Syndrome" oder NTI – Non-Thyroidal Illness).
- Freies T4 (fT4): Genauer als TT4, weniger beeinflusst durch andere Erkrankungen. Idealerweise per Equilibriumdialyse gemessen.
- TSH: Bei Hypothyreose sollte TSH erhöht sein (die Hirnanhangsdrüse versucht, die Schilddrüse zu mehr Arbeit anzuregen). Allerdings ist der canine TSH-Test nicht so zuverlässig wie der humane.
- Schilddrüsen-Autoantikörper (TgAA): Können eine autoimmune Ursache bestätigen.
Wann ist die Diagnose sicher?
Die Kombination aus passenden klinischen Symptomen, niedrigem fT4 und erhöhtem TSH macht die Diagnose sehr wahrscheinlich. Im Zweifelsfall wird ein Therapieversuch gestartet: Bessern sich die Symptome unter Schilddrüsenhormonen, war die Diagnose richtig.
Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion
Levothyroxin (L-Thyroxin)
Die Behandlung ist erfreulich unkompliziert: Dein Hund bekommt täglich synthetisches Schilddrüsenhormon (Levothyroxin, auch L-Thyroxin genannt) als Tablette.
- Dosierung: Die Startdosis liegt bei 10 bis 20 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht, in der Regel zweimal täglich. Die genaue Dosis wird individuell angepasst.
- Gabe: Am besten morgens und abends, idealerweise nicht direkt mit dem Futter (mindestens 30 Minuten Abstand), da Futter die Aufnahme reduzieren kann.
- Lebenslange Therapie: Die Schilddrüsenunterfunktion wird nicht geheilt – dein Hund braucht die Tabletten lebenslang.
Therapieüberwachung
- Erste Kontrolle: 4 bis 6 Wochen nach Therapiebeginn wird der T4-Wert kontrolliert. Die Blutentnahme erfolgt 4 bis 6 Stunden nach der Tablettengabe, um den Spitzenwert zu erfassen.
- Weitere Kontrollen: Alle 6 Monate oder bei Symptomveränderungen.
- Dosisanpassung: Der Tierarzt passt die Dosis anhand der Blutwerte und des klinischen Bildes an.
Was du erwarten kannst
Die Besserung tritt schrittweise ein:
- Innerhalb von 1 bis 2 Wochen: Mehr Energie und Lebensfreude, besserer Appetit.
- Innerhalb von 4 bis 6 Wochen: Gewichtsabnahme beginnt, Hautinfektionen heilen.
- Innerhalb von 3 bis 6 Monaten: Das Fell wächst nach, die Haut normalisiert sich.
- Neurologische Symptome: Können Monate zur Besserung brauchen, bilden sich aber in vielen Fällen zurück.
Die Verbesserung der Lebensqualität ist oft dramatisch – viele Besitzer berichten, dass ihr Hund „wieder der alte" ist.
Kosten der Behandlung
Die monatlichen Kosten für Levothyroxin sind überschaubar – je nach Hundegröße und Dosierung liegen sie bei etwa 15 bis 40 Euro pro Monat. Hinzu kommen die Kosten für regelmäßige Blutkontrollen (etwa 50 bis 100 Euro je Kontrolle).
Unbehandelte Hypothyreose – Folgen
Ohne Behandlung schreitet die Schilddrüsenunterfunktion weiter voran:
- Zunehmende Fettleibigkeit mit Folgeerkrankungen wie Arthrose
- Häufige Hautinfektionen
- Herz-Kreislauf-Probleme
- Neurologische Ausfälle
- Deutlich eingeschränkte Lebensqualität
Häufig gestellte Fragen
Kann mein Hund an einer Schilddrüsenunterfunktion sterben?
Eine unbehandelte Hypothyreose ist in der Regel nicht direkt tödlich, kann aber die Lebensqualität massiv einschränken und zu sekundären Erkrankungen führen. In extrem seltenen Fällen kann ein sogenanntes Myxödem-Koma auftreten – ein lebensbedrohlicher Zustand mit Bewusstlosigkeit und Unterkühlung.
Gibt es Nebenwirkungen der Behandlung?
Levothyroxin ist in der richtigen Dosierung sehr sicher. Bei Überdosierung können Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion auftreten: Unruhe, Hecheln, Herzrasen, Durchfall und Gewichtsverlust. In diesem Fall wird die Dosis reduziert.
Kann ich die Schilddrüsenunterfunktion verhindern?
Da die häufigste Ursache eine Autoimmunerkrankung ist, gibt es keine zuverlässige Prävention. Eine verantwortungsvolle Zucht, bei der betroffene Tiere nicht zur Fortpflanzung eingesetzt werden, kann das Risiko in bestimmten Rassen langfristig senken.
Zusammenfassung
Die Schilddrüsenunterfunktion ist eine häufige, gut behandelbare hormonelle Erkrankung beim Hund. Typische Symptome sind Gewichtszunahme, Trägheit, Haarausfall und Hautprobleme. Die Diagnose erfolgt durch Blutuntersuchungen. Die Behandlung mit täglichem Levothyroxin ist einfach, kostengünstig und hochwirksam. Betroffene Hunde leben mit der richtigen Therapie ein völlig normales und glückliches Leben. Wenn du die beschriebenen Symptome bei deinem Hund bemerkst, lass die Schilddrüsenwerte beim Tierarzt überprüfen.