Warum kratzt sich mein Hund ständig?
Juckreiz (Pruritus) ist einer der häufigsten Gründe, warum Hundebesitzer den Tierarzt aufsuchen. Gelegentliches Kratzen ist bei Hunden völlig normal – aber wenn dein Hund sich ständig kratzt, beißt, leckt oder an Gegenständen reibt, stimmt etwas nicht. Chronischer Juckreiz beeinträchtigt die Lebensqualität deines Hundes erheblich und kann zu Haarausfall, Hautentzündungen und offenen Wunden führen. In diesem Ratgeber erfährst du, welche Ursachen hinter dem Juckreiz stecken können und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.
Die häufigsten Ursachen für Juckreiz beim Hund
1. Parasiten
Parasiten sind die häufigste Ursache für Juckreiz beim Hund. Die wichtigsten Vertreter:
Flöhe: Die Nummer-eins-Ursache für Juckreiz. Schon ein einziger Floh kann bei Hunden mit Flohspeichelallergie extremen Juckreiz auslösen. Typisch ist Kratzen an der Schwanzbasis, am Rücken und an den Hinterbeinen. Der Flohkot-Test gibt schnell Aufschluss.
Milben: Verschiedene Milbenarten können Hunde befallen:
- Sarkoptesmilben (Räude): Verursachen extrem starken Juckreiz, besonders an Ohren, Ellbogen und Bauch. Hoch ansteckend!
- Demodexmilben: Verursachen Haarausfall, vor allem bei jungen Hunden. Juckreiz ist oft weniger stark, kann aber bei Sekundärinfektionen zunehmen.
- Ohrmilben: Starker Juckreiz im Ohrbereich, dunkler, krümeliger Ohrenschmalz.
- Herbstgrasmilben (Neotrombicula): Im Spätsommer und Herbst häufig. Orangerote Larven an Pfoten, Bauch und Ohren.
Zecken: Der Zeckenbiss selbst kann jucken, und die Bissstelle kann sich entzünden.
Läuse und Haarlinge: Selten, aber möglich, besonders bei Hunden mit geschwächtem Immunsystem.
2. Allergien
Allergien sind die zweithäufigste Ursache für chronischen Juckreiz beim Hund. Es gibt verschiedene Allergietypen:
Umweltallergien (Atopische Dermatitis):
Die häufigste Allergie beim Hund. Auslöser sind Umweltallergene wie Pollen, Hausstaubmilben, Schimmelpilzsporen oder Gräser. Typische Anzeichen:
- Juckreiz an Pfoten (Pfotenlecken!), Gesicht, Ohren, Achseln und Bauch
- Wiederkehrende Ohrenentzündungen
- Saisonale Verschlechterung (bei Pollenallergie) oder ganzjährige Symptome (bei Hausstaubmilbenallergie)
- Beginn meist im Alter von 1-3 Jahren
Futtermittelallergien:
Etwa 10-15 Prozent aller allergischen Hauterkrankungen beim Hund sind futterbedingt. Häufige Auslöser sind Rindfleisch, Huhn, Milchprodukte, Weizen und Soja. Symptome:
- Ganzjähriger Juckreiz, unabhängig von der Jahreszeit
- Oft kombiniert mit Magen-Darm-Problemen (Durchfall, Blähungen)
- Juckreiz an Ohren, Pfoten und in der Analgegend
Kontaktallergie:
Selten, aber möglich. Auslöser können Reinigungsmittel, Teppichreiniger, bestimmte Pflanzen oder Materialien sein. Der Juckreiz tritt an den Kontaktstellen auf (Bauch, Pfoten).
3. Hautinfektionen
Bakterielle Hautentzündung (Pyodermie):
Bakterielle Infektionen der Haut entstehen oft als Folge von Kratzen und Lecken. Sie zeigen sich als rote Pusteln, Krusten und nässende Stellen. Ein Teufelskreis: Juckreiz → Kratzen → Infektion → mehr Juckreiz.
Pilzinfektionen verursachen typischerweise runde, haarlose Stellen mit schuppigem Rand. Der Juckreiz ist oft mild, kann aber bei Sekundärinfektionen stärker werden.
Hefepilzinfektion (Malassezia):
Hefepilze (Malassezia pachydermatis) kommen natürlicherweise auf der Hundehaut vor, können sich aber übermäßig vermehren. Typisch: fettige, schuppige Haut mit unangenehmem Geruch, besonders in Hautfalten, Ohren und zwischen den Zehen.
4. Trockene Haut
Trockene Haut ist eine oft unterschätzte Ursache für Juckreiz:
- Zu häufiges Baden mit aggressiven Shampoos
- Trockene Heizungsluft im Winter
- Mangelhafte Ernährung – Fehlen von essenziellen Fettsäuren
- Rasse-bedingt – manche Rassen neigen zu trockener Haut
5. Hormonelle Erkrankungen
Hormonelle Störungen können die Hautgesundheit beeinträchtigen und Juckreiz verursachen:
- Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose): Dünnes Fell, trockene Haut, wiederkehrende Hautinfektionen.
- Cushing-Syndrom (Hyperadrenokortizismus): Dünne Haut, symmetrischer Haarausfall, wiederkehrende Hautinfektionen.
6. Psychogener Juckreiz
In manchen Fällen hat der Juckreiz keine organische Ursache. Stress, Langeweile oder Angst können zu exzessivem Lecken führen, besonders an den Vorderpfoten (Leckekzem/Lick Granuloma).
Welche Körperstellen sind betroffen?
Die Lokalisation des Juckreizes kann Hinweise auf die Ursache geben:
- Schwanzbasis und Rücken: Flohbefall
- Pfoten (Lecken und Beißen): Umweltallergie, Herbstgrasmilben, Hefepilzinfektion
- Ohren: Allergie, Ohrenentzündung, Ohrmilben
- Gesicht und Augen: Umweltallergie, Futtermittelallergie
- Bauch und Achseln: Umweltallergie, Kontaktallergie
- Ellbogen und Sprunggelenke: Sarkoptesräude
- Überall am Körper: Generalisierte Allergie, systemische Erkrankung
Diagnose beim Tierarzt
Die Ursache für chronischen Juckreiz herauszufinden, kann ein längerer Prozess sein. Typische Untersuchungen:
- Klinische Untersuchung: Verteilung und Art der Hautveränderungen geben erste Hinweise.
- Flohkot-Test: Ausschluss eines Flohbefalls.
- Hautgeschabsel: Zum Nachweis von Milben.
- Tupferproben/Zytologie: Zum Nachweis von Bakterien und Hefepilzen.
- Pilzkultur: Zum Nachweis von Dermatophyten.
- Eliminationsdiät: Gold-Standard zur Diagnose einer Futtermittelallergie. Über 8-12 Wochen wird nur eine einzige Protein- und Kohlenhydratquelle gefüttert, die der Hund noch nie bekommen hat.
- Blutuntersuchung: Zum Ausschluss hormoneller Erkrankungen.
- Allergietest: Intrakutantest oder Bluttest bei Verdacht auf Umweltallergien.
Behandlung von Juckreiz beim Hund
Die Behandlung hängt von der Ursache ab:
Parasitenbekämpfung
- Konsequente Flohbehandlung auf dem Hund und in der Umgebung
- Spezifische Behandlung bei Milbenbefall (verschreibungspflichtige Präparate)
- Regelmäßige Parasitenprophylaxe
Allergiemanagement
Bei Futtermittelallergien:
- Strenge Eliminationsdiät über mindestens 8 Wochen
- Anschließend Provokationsdiät zur Identifizierung des Auslösers
- Langfristiges Füttern einer hypoallergenen Diät
Bei Umweltallergien:
- Allergenvermeidung (soweit möglich)
- Medikamentöse Behandlung: Apoquel (Oclacitinib), Cytopoint (Lokivetmab), Kortison (kurzzeitig)
- Hyposensibilisierung (Allergie-Immuntherapie) – die einzige ursächliche Behandlung
- Regelmäßige Hautreinigung und Pflege
Hautinfektionen behandeln
- Antibiotika (systemisch oder lokal) bei bakteriellen Infektionen
- Antimykotika bei Pilzinfektionen
- Medizinische Shampoos (Chlorhexidin, Miconazol)
Unterstützende Maßnahmen
- Omega-3-Fettsäuren: Fischöl kann die Hautgesundheit verbessern und Entzündungen reduzieren.
- Hochwertiges Futter: Eine ausgewogene Ernährung ist die Basis gesunder Haut.
- Regelmäßige Fellpflege: Bürsten fördert die Durchblutung und entfernt lose Haare.
- Luftbefeuchter im Winter: Trockene Heizungsluft kann die Haut zusätzlich belasten.
- Kühlende Maßnahmen: Kühle, feuchte Umschläge können akuten Juckreiz lindern.
🚨 Wann zum Tierarzt?
- Wenn der Juckreiz länger als eine Woche anhält
- Bei Haarausfall, geröteter oder entzündeter Haut
- Bei offenen Wunden, Hot Spots oder nässenden Stellen
- Wenn dein Hund sich blutig kratzt
- Bei wiederkehrenden Ohrenentzündungen
- Bei Krusten, Pusteln oder ungewöhnlichem Hautgeruch
- Wenn mehrere Tiere oder Menschen im Haushalt ebenfalls Juckreiz haben (Milben!)
- Bei Gewichtsverlust, vermehrtem Trinken oder anderen Allgemeinsymptomen
Zusammenfassung
Ständiges Kratzen beim Hund hat fast immer eine behandelbare Ursache. Parasiten – allen voran Flöhe – und Allergien sind die häufigsten Auslöser. Eine genaue Diagnose durch den Tierarzt ist der Schlüssel zur richtigen Behandlung. Während du den Tierarzttermin abwartest, kannst du mit einer konsequenten Flohprophylaxe und Omega-3-Fettsäuren erste Maßnahmen ergreifen. Denk daran: Chronischer Juckreiz ist kein Schicksal – mit der richtigen Behandlung kann dein Hund wieder ein beschwerdefreies Leben führen.