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Hund – Gesundheit18.2.2026

Inkontinenz beim Hund – Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Was ist Inkontinenz beim Hund?

Von Inkontinenz spricht man, wenn ein Hund unkontrolliert Urin verliert – also ohne es bewusst zu steuern. Wichtig ist die Abgrenzung: Inkontinenz ist nicht dasselbe wie Unsauberkeit. Ein inkontinenter Hund merkt oft gar nicht, dass er Urin verliert, während ein unsauberer Hund bewusst an unerwünschten Stellen uriniert (aus Verhaltens- oder medizinischen Gründen). Inkontinenz kann Hunde jeden Alters betreffen, ist aber bei kastrierten Hündinnen mittleren und höheren Alters besonders häufig. Die gute Nachricht: In den meisten Fällen ist Inkontinenz gut behandelbar.

Symptome der Inkontinenz

Typische Anzeichen

  • Urinverlust im Schlaf: Das häufigste Zeichen. Du findest nasse Flecken auf dem Hundebett oder dort, wo dein Hund gelegen hat.
  • Tröpfeln beim Gehen: Dein Hund hinterlässt eine Urinspur, ohne stehen zu bleiben.
  • Nasses Fell im Genitalbereich: Das Fell um die Vulva oder den Penis ist ständig feucht.
  • Hautentzündungen: Durch den ständigen Kontakt mit Urin kann die Haut im Genital- und Oberschenkelbereich gerötet, entzündet oder wund werden.
  • Uringeruch: Dein Hund oder sein Liegeplatz riecht nach Urin.
  • Häufiges Lecken: Der Hund leckt sich auffällig oft im Genitalbereich, um sich zu reinigen.

Wichtig: Inkontinenz vs. andere Probleme

Nicht jeder ungewollte Urinabsatz ist Inkontinenz. Andere Ursachen für „Unfälle" in der Wohnung:

  • Blasenentzündung: Häufiger, dringlicher Harndrang – der Hund schafft es nicht rechtzeitig nach draußen.
  • Verhaltensbedingte Unsauberkeit: Markierverhalten, Trennungsangst, mangelnde Stubenreinheit.
  • Submissives Urinieren: Besonders bei jungen, unsicheren Hunden – sie urinieren bei Begrüßung oder Aufregung.
  • Altersbedingte kognitive Störung: Ältere Hunde mit Demenz (kognitives Dysfunktionssyndrom) können vergessen, dass sie draußen ihr Geschäft machen sollen.
  • Polyurie: Erkrankungen wie Diabetes, Cushing-Syndrom oder Niereninsuffizienz führen zu vermehrtem Wasserlassen – der Hund kann die großen Urinmengen nicht mehr halten.

Ursachen für Inkontinenz beim Hund

1. Kastrationsinkontinenz (häufigste Ursache)

Die Kastrationsinkontinenz (auch Sphinkterinkompetenz oder hormonell bedingte Inkontinenz genannt) betrifft 20-30 Prozent aller kastrierten Hündinnen – damit ist sie mit Abstand die häufigste Form der Inkontinenz beim Hund. Bei Rüden tritt sie seltener auf.

Warum passiert das?

  • Nach der Kastration sinkt der Östrogenspiegel.
  • Östrogen spielt eine wichtige Rolle für die Funktion des Harnröhrenschließmuskels (Sphinkter).
  • Ohne ausreichend Östrogen wird der Schließmuskel schwächer und kann dem Druck der gefüllten Blase nicht mehr standhalten.
  • Die Inkontinenz tritt typischerweise Monate bis Jahre nach der Kastration auf.

Risikofaktoren:

  • Große und schwere Rassen (über 20 kg) sind häufiger betroffen
  • Boxer, Rottweiler, Riesenschnauzer, Dobermann, Irish Setter, Bobtail
  • Übergewicht verschlimmert das Problem
  • Kastration vor der ersten Läufigkeit erhöht möglicherweise das Risiko

2. Altersinkontinenz

Mit zunehmendem Alter können die Muskeln des Beckenbodens und des Harnröhrenschließmuskels schwächer werden. Dies betrifft sowohl kastrierte als auch unkastrierte Hunde.

3. Neurologische Ursachen

Erkrankungen der Nerven oder des Rückenmarks können die Blasenfunktion beeinträchtigen:

  • Bandscheibenvorfall: Besonders Bandscheibenvorfälle in der Lendenwirbelsäule können die Nerven zur Blase beeinträchtigen.
  • Cauda-equina-Syndrom: Kompression der Nerven am Ende des Rückenmarks.
  • Degenerative Myelopathie: Eine fortschreitende Nervenerkrankung, die vor allem Deutsche Schäferhunde betrifft.
  • Tumoren im Rückenmarksbereich

4. Anatomische Ursachen

  • Ektopische Ureteren: Die Harnleiter münden nicht in die Blase, sondern direkt in die Harnröhre oder Vagina. Dies ist ein angeborener Defekt, der sich meist bei jungen Hunden zeigt.
  • Vestibulare Fehlbildungen: Anatomische Veränderungen im Scheidenbereich, die den Urinfluss beeinflussen.

5. Andere Ursachen

  • Blasenentzündung: Kann vorübergehende Inkontinenz verursachen.
  • Blasensteine: Können den Harnabfluss beeinflussen.
  • Prostaterkrankungen beim Rüden: Vergrößerte Prostata kann auf die Harnröhre drücken.
  • Tumoren der Blase oder Harnwege
  • Medikamente: Bestimmte Medikamente (z. B. Kortison) können als Nebenwirkung die Urinproduktion steigern.

Diagnose beim Tierarzt

Um die Ursache der Inkontinenz festzustellen, wird der Tierarzt verschiedene Untersuchungen durchführen:

  • Ausführliche Anamnese: Wann tritt der Urinverlust auf? Im Schlaf? Beim Laufen? Seit wann? Kastrationszeitpunkt?
  • Klinische Untersuchung: Allgemeinuntersuchung, neurologische Untersuchung, Abtasten der Blase.
  • Urinuntersuchung: Ausschluss einer Blasenentzündung oder anderer Harnwegsprobleme.
  • Blutuntersuchung: Ausschluss von Diabetes, Cushing, Niereninsuffizienz.
  • Ultraschall: Beurteilung von Blase, Nieren, Prostata und Gebärmutterstumpf.
  • Röntgen: Beurteilung der Wirbelsäule, Suche nach Blasensteinen.
  • Urodynamische Untersuchung: In spezialisierten Kliniken kann der Druck in der Blase und der Harnröhre gemessen werden (Urethradruckprofil).

Behandlung

Medikamentöse Therapie

Phenylpropanolamin (Propalin):

  • Das am häufigsten verwendete Medikament bei Kastrationsinkontinenz.
  • Stärkt den Harnröhrenschließmuskel durch Erhöhung des Muskeltonus.
  • Wird als Sirup ein- bis dreimal täglich verabreicht.
  • Wirksamkeit: 75-90 Prozent der Hündinnen sprechen gut an.
  • Nebenwirkungen: Unruhe, erhöhte Herzfrequenz, Appetitlosigkeit (selten).

Estriol (Incurin):

  • Ein Östrogenpräparat, das den Schließmuskel stärkt.
  • Besonders geeignet für kastrierte Hündinnen.
  • Wird als Tablette einmal täglich verabreicht, nach Einstellung kann die Dosis oft reduziert werden.
  • Nebenwirkungen: Schwellung der Vulva, Attraktivität für Rüden (selten bei der niedrigen Dosis).

Kombination: In hartnäckigen Fällen können beide Medikamente kombiniert werden.

Chirurgische Therapie

Wenn Medikamente nicht ausreichend wirken, stehen chirurgische Optionen zur Verfügung:

  • Kollagen-Injektionen: Kollagen wird um die Harnröhre gespritzt, um den Verschluss zu verbessern. Die Wirkung kann nachlassen und muss gegebenenfalls wiederholt werden.
  • Kolposuspension: Bei Hündinnen wird der Scheidentrakt chirurgisch fixiert, um die Harnröhre zu stützen.
  • Hydraulischer Sphinkter: In spezialisierten Zentren kann ein künstlicher Schließmuskel implantiert werden.

Behandlung der Grundursache

  • Ektopische Ureteren: Chirurgische Korrektur (neuerdings auch per Laser möglich).
  • Bandscheibenvorfälle: Je nach Schweregrad konservativ oder chirurgisch.
  • Prostaterkrankungen: Kastration, Medikamente oder Operation.
  • Blasensteine: Entfernung oder Auflösung.

Alltagstipps für das Leben mit einem inkontinenten Hund

  • Waschbare Unterlagen: Lege waschbare Inkontinenzunterlagen auf den Liegeplatz deines Hundes. Sie sind saugfähig und bei 60 °C waschbar.
  • Hundewindeln: Für Hunde gibt es spezielle Windeln und Bauchbinden (für Rüden). Sie bieten unterwegs und nachts Schutz.
  • Hautpflege: Reinige das Fell im Genitalbereich regelmäßig und halte es trocken, um Hautreizungen vorzubeugen. Vaseline oder Zinkpaste können die Haut schützen.
  • Häufiger rausgehen: Lass deinen Hund häufiger als gewöhnlich Wasser lassen, um die Blase möglichst leer zu halten.
  • Liegeplatz-Hygiene: Wasche Hundebetten und Decken regelmäßig.
  • Kein Schimpfen: Dein Hund kann nichts dafür! Schimpfen erzeugt nur Stress, der die Inkontinenz verschlimmern kann.
  • Fellpflege: Bei langhaarigen Hunden kann das Kürzen der Haare im Genitalbereich die Hygiene erleichtern.

Vorbeugung

Eine sichere Vorbeugung gegen Inkontinenz gibt es nicht, aber einige Maßnahmen können das Risiko senken:

  • Gewicht halten: Übergewicht belastet den Beckenboden und verschlimmert die Inkontinenz.
  • Kastrationszeitpunkt bedenken: Bei großen Rassen kann ein späterer Kastrationszeitpunkt (nach der ersten Läufigkeit) das Risiko einer Kastrationsinkontinenz möglicherweise reduzieren. Besprich dies mit deinem Tierarzt.
  • Blasenentzündungen behandeln: Wiederkehrende Blasenentzündungen frühzeitig und konsequent behandeln.
  • Regelmäßige Vorsorge: Ältere Hunde regelmäßig untersuchen lassen.

🚨 Wann zum Tierarzt?

  • Bei jedem erstmaligen Auftreten von unkontrolliertem Urinverlust
  • Wenn dein Hund plötzlich unsauber wird (vorher stubenrein)
  • Bei Urinverlust in Kombination mit Humpeln oder Lähmungserscheinungen (Hinweis auf neurologische Ursache!)
  • Wenn Blut im Urin ist
  • Bei vermehrtem Trinken und Wasserlassen
  • Wenn die medikamentöse Behandlung nicht mehr wirkt
  • Bei Hautentzündungen durch ständigen Urinkontakt

Zusammenfassung

Inkontinenz beim Hund ist ein häufiges Problem, besonders bei kastrierten Hündinnen mittlerer und großer Rassen. Die Kastrationsinkontinenz durch Sphinkterschwäche ist die häufigste Ursache und lässt sich in den meisten Fällen medikamentös sehr gut behandeln. Wichtig ist, Inkontinenz von anderen Ursachen für Unsauberkeit abzugrenzen und die zugrunde liegende Ursache durch den Tierarzt abklären zu lassen. Mit der richtigen Behandlung und etwas Anpassung im Alltag können inkontinente Hunde ein uneingeschränkt gutes Leben führen. Denk immer daran: Dein Hund kann nichts dafür – er braucht dein Verständnis und deine Unterstützung.