Kastration beim Hund – eine wichtige Entscheidung
Die Frage, ob man seinen Hund kastrieren lassen soll, gehört zu den meistdiskutierten Themen unter Hundebesitzern. Es gibt gute Argumente dafür und dagegen – und die richtige Entscheidung hängt von vielen individuellen Faktoren ab: Geschlecht, Rasse, Alter, Gesundheitszustand, Verhalten und Haltungsbedingungen. In diesem Ratgeber geben wir dir eine umfassende Übersicht, damit du eine fundierte Entscheidung treffen kannst.
Kastration vs. Sterilisation – der Unterschied
Die Begriffe werden oft verwechselt:
- Kastration: Die Keimdrüsen (Hoden beim Rüden, Eierstöcke bei der Hündin) werden vollständig entfernt. Damit wird die Hormonproduktion gestoppt.
- Sterilisation: Nur die Samenleiter (Rüde) bzw. Eileiter (Hündin) werden durchtrennt. Die Hormonproduktion bleibt bestehen, nur die Fortpflanzung wird unterbunden.
In der Tiermedizin wird fast ausschließlich die Kastration durchgeführt, da sie die meisten gesundheitlichen Vorteile bietet. Die Sterilisation spielt in der Praxis kaum eine Rolle.
Kastration beim Rüden
Ablauf der OP
- Narkose: Vollnarkose (Injektionsnarkose oder Inhalationsnarkose)
- Dauer: Ca. 20-30 Minuten
- Technik: Kleiner Hautschnitt vor dem Hodensack, beide Hoden werden entfernt
- Fäden: Selbstauflösend oder nach 10-14 Tagen zum Fädenziehen
- Stationär: In der Regel ambulant – dein Hund kann am selben Tag nach Hause
Vorteile der Kastration beim Rüden
- Kein Hodenkrebs: Das Risiko wird vollständig eliminiert
- Geringeres Prostatarisiko: Die gutartige Prostatavergrößerung (BPH), die bei unkastrierten Rüden ab dem mittleren Alter sehr häufig ist, wird vermieden
- Kein Perianaltumor: Hormonabhängige Tumoren rund um den After treten seltener auf
- Reduktion von sexuell motiviertem Verhalten: Markieren im Haus, Aufreiten, Streunen und sexuell motivierte Unruhe können sich bessern
- Kein Stress durch läufige Hündinnen: Ein kastrierter Rüde reagiert weniger auf läufige Hündinnen in der Nachbarschaft
- Perinealhernien: Deutlich seltener bei kastrierten Rüden
Nachteile und Risiken beim Rüden
- Narkoserisiko: Jede Vollnarkose birgt ein – wenn auch geringes – Risiko
- Gewichtszunahme: Der Stoffwechsel verlangsamt sich nach der Kastration um ca. 30 %. Ohne Futteranpassung nehmen viele Hunde zu
- Fellveränderungen: Besonders bei Langhaarrassen (Golden Retriever, Irish Setter) kann sich die Fellstruktur verändern – weicheres, wolliges „Welpenfell" (Kastratenfall)
- Verhaltensänderungen: Kastration ist KEIN Allheilmittel gegen Verhaltensprobleme! Aggression aus Unsicherheit oder Angst kann sich sogar verschlechtern
- Erhöhtes Risiko für bestimmte Tumoren: Studien zeigen bei manchen Rassen ein erhöhtes Risiko für Hämangiosarkom, Osteosarkom und Lymphom
- Gelenkprobleme: Bei früher Kastration (vor der Skelettreife) erhöhtes Risiko für Kreuzbandriss, Hüftdysplasie und Arthrose
- Harninkontinenz: Selten beim Rüden, aber möglich
- Irreversibel: Die Entscheidung kann nicht rückgängig gemacht werden
Wann kastrieren? – Der richtige Zeitpunkt beim Rüden
- Nicht zu früh: Hunde sollten idealerweise körperlich ausgereift sein, bevor sie kastriert werden. Bei kleinen Rassen ist das ab ca. 12 Monaten, bei großen Rassen ab 18-24 Monaten.
- Medizinische Indikation: Hodenhochstand (Kryptorchismus) ist eine klare Indikation – nicht abgestiegene Hoden haben ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko.
- Verhaltensindikation: Bei extremem sexuell motivierten Verhalten, das die Lebensqualität stark einschränkt.
Kastration bei der Hündin
Ablauf der OP
- Narkose: Vollnarkose
- Dauer: Ca. 45-90 Minuten (umfangreicher als beim Rüden)
- Technik: Bauchschnitt, Entfernung beider Eierstöcke (Ovariektomie) oder Eierstöcke und Gebärmutter (Ovariohysterektomie)
- Fäden: Selbstauflösend oder nach 10-14 Tagen zum Fädenziehen
- Stationär: Meist ambulant, manche Kliniken behalten die Hündin eine Nacht
Vorteile der Kastration bei der Hündin
- Kein Gebärmutterkrebs und keine Pyometra: Die Gebärmutterentzündung (Pyometra) ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, die bei unkastrierten Hündinnen häufig vorkommt, besonders im Alter
- Deutlich reduziertes Mammatumorrisiko: Wenn die Kastration VOR der ersten Läufigkeit erfolgt, liegt das Risiko bei nur 0,5 %. Nach der ersten Läufigkeit bei ca. 8 %, nach der zweiten bei ca. 26 %. Ab dem 2,5. Lebensjahr kein schützender Effekt mehr
- Keine Läufigkeit: Kein Bluten, kein Markieren, keine ungewollte Deckung
- Keine Scheinträchtigkeit: Hormonell bedingte Scheinträchtigkeiten fallen weg
Nachteile und Risiken bei der Hündin
- Harninkontinenz: Das größte Problem! 5-20 % der kastrierten Hündinnen entwickeln eine Harninkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust, besonders im Schlaf). Große Rassen sind häufiger betroffen. Meist gut mit Medikamenten behandelbar
- Gewichtszunahme: Wie beim Rüden – Futteranpassung ist wichtig
- Fellveränderungen: Kastratenfall, besonders bei bestimmten Rassen
- Narkoserisiko und größerer Eingriff: Die Bauchoperation ist umfangreicher als beim Rüden
- Erhöhtes Tumorrisiko: Bei manchen Rassen erhöhtes Risiko für bestimmte Krebsarten
- Gelenkprobleme bei früher Kastration: Wie beim Rüden
Wann kastrieren? – Der richtige Zeitpunkt bei der Hündin
Die Frage des Zeitpunkts ist bei der Hündin besonders komplex:
- Vor der ersten Läufigkeit: Maximaler Schutz vor Mammatumoren, aber erhöhtes Risiko für Inkontinenz und Gelenkprobleme bei großen Rassen
- Nach der ersten Läufigkeit: Guter Kompromiss – immer noch deutlich reduziertes Mammatumorrisiko, Skelett ist weitgehend ausgereift
- Im mittleren Alter: Schützt vor Pyometra, aber kein relevanter Mammatumor-Schutz mehr
- Medizinische Indikation: Bei Pyometra, Mammatumoren, schwerer Scheinträchtigkeit oder Diabetes
Kosten der Kastration
Die Kosten richten sich nach der GOT (Gebührenordnung für Tierärzte) und variieren je nach Praxis, Region und ob Komplikationen auftreten:
| Leistung | Rüde | Hündin |
|---|---|---|
| Kastration (einfacher Satz) | 150 – 300 € | 300 – 600 € |
| Voruntersuchung + Blutbild | 50 – 100 € | 50 – 100 € |
| Narkose | 50 – 100 € | 50 – 100 € |
| Medikamente + Halskrause | 20 – 50 € | 20 – 50 € |
| Nachkontrolle | 20 – 40 € | 20 – 40 € |
| Gesamt ca. | 250 – 500 € | 400 – 800 € |
Bei Komplikationen, außerhalb der Sprechzeiten oder bei Spezialkliniken können die Kosten deutlich höher liegen. Eine Tierkrankenversicherung übernimmt die Kosten für eine medizinisch indizierte Kastration oft.
Alternativen zur chirurgischen Kastration
Chemische Kastration (Suprelorin-Chip)
- Hormonimplantat (Deslorelin), das unter die Haut gesetzt wird
- Unterdrückt die Hormonproduktion für 6-12 Monate (je nach Dosierung)
- Vorteil: Reversibel! Wenn die Wirkung nachlässt, kehrt die Fruchtbarkeit zurück
- Ideal zum Testen: Wenn du unsicher bist, ob eine Kastration das richtige ist, kannst du die Auswirkungen vorab testen
- Nachteil: In den ersten Wochen kann die Hormonproduktion zunächst ansteigen, bevor sie sinkt
- Kosten: Ca. 100-200 € pro Chip
Für Hündinnen: Hormonelle Läufigkeitsunterdrückung
- Möglich durch Hormontabletten oder -spritzen
- Nicht empfohlen als Langzeitlösung wegen erhöhtem Pyometra- und Tumorrisiko
- Allenfalls als kurzfristige Überbrückung
Nachsorge nach der Kastration
Erste Tage
- Ruhiger, warmer Schlafplatz – kein Springen, Toben oder Treppensteigen
- Halskrause (Trichter) tragen: Damit der Hund nicht an der Wunde leckt – mindestens 10-14 Tage
- Wunde kontrollieren: Täglich auf Rötung, Schwellung oder Ausfluss prüfen
- Kurze Leinenspaziergänge zum Lösen
- Medikamente wie vom Tierarzt verordnet (Schmerzmittel, ggf. Antibiotika)
Erste Wochen
- Fäden ziehen nach 10-14 Tagen (wenn nicht selbstauflösend)
- Langsam Aktivität steigern
- Futter anpassen: Die Futterration um ca. 10-20 % reduzieren oder auf kastriertes Futter umstellen
- Gewicht im Auge behalten: Regelmäßig wiegen
Zusammenfassung
Die Kastration ist ein Routineeingriff mit klaren Vor- und Nachteilen. Es gibt keine pauschale Empfehlung – die Entscheidung muss individuell getroffen werden. Besprich die Situation ausführlich mit deinem Tierarzt unter Berücksichtigung von Rasse, Alter, Gesundheitszustand und Verhalten deines Hundes. Der Suprelorin-Chip bietet eine gute Möglichkeit, die Auswirkungen einer Kastration vorab zu testen. Egal wie du dich entscheidest: Eine Kastration aus reiner Bequemlichkeit ist nicht zu empfehlen – es sollte immer eine medizinische oder verhaltensbedingte Indikation vorliegen.