Was ist ein Bandscheibenvorfall beim Hund?
Ein Bandscheibenvorfall (Diskopathie oder Diskushernie) entsteht, wenn das Gewebe einer Bandscheibe in den Wirbelkanal vordringt und auf das Rückenmark oder die austretenden Nerven drückt. Die Bandscheiben liegen wie elastische Puffer zwischen den Wirbelkörpern und bestehen aus einem weichen Gallertkern (Nucleus pulposus), der von einem festen Faserring (Anulus fibrosus) umgeben ist. Wird dieser Faserring geschädigt, kann der Kern austreten und neurologische Ausfälle verursachen.
Typen des Bandscheibenvorfalls
Hansen Typ I (akut):
- Der Gallertkern reißt durch den Faserring und tritt schlagartig in den Wirbelkanal ein
- Plötzliche, starke Symptome – von Schmerzen bis zur Lähmung
- Typisch für chondrodystrophe Rassen (Dackel, Pekinese, Französische Bulldogge, Basset, Beagle, Shih Tzu)
- Häufig bei jungen bis mittelalten Hunden (3–7 Jahre)
- Die berühmte „Dackellähme"
Hansen Typ II (chronisch):
- Der Faserring wölbt sich langsam in den Wirbelkanal vor
- Schleichende, sich verschlechternde Symptome
- Typisch für große Rassen (Schäferhund, Labrador, Dobermann)
- Meist bei älteren Hunden (>5 Jahre)
Besonders betroffene Rassen
- Dackel (Teckel): Höchstes Risiko – jeder 4. Dackel erleidet im Laufe seines Lebens einen Bandscheibenvorfall!
- Französische Bulldogge
- Pekinese
- Basset Hound
- Beagle
- Cocker Spaniel
- Shih Tzu
- Deutscher Schäferhund (Typ II)
- Dobermann (Typ II, besonders im Halsbereich)
Wo treten Bandscheibenvorfälle auf?
- Brustwirbelsäule/Lendenwirbelsäule (thorakolumbal): Am häufigsten, besonders T11–L2
- Halswirbelsäule (zervikal): Zweithäufigster Bereich
- Lendenwirbelsäule (lumbosakral): Cauda-equina-Syndrom
Symptome
Die Symptome hängen davon ab, wo der Vorfall liegt und wie stark das Rückenmark komprimiert wird:
Schweregrade (nach Griffiths)
| Grad | Symptome |
|---|---|
| Grad 1 | Nur Schmerzen – Hund zeigt Schmerzäußerungen, aufgekrümmter Rücken, will nicht springen |
| Grad 2 | Schmerzen + Koordinationsstörungen – schwankender Gang, überkreuzen der Beine, Gleichgewichtsprobleme |
| Grad 3 | Starke Bewegungsstörungen – Hund kann kaum noch laufen, schleifen der Pfoten |
| Grad 4 | Lähmung – Hund kann die Hinterbeine nicht mehr bewegen, kann aber Schmerz an den Hinterbeinen noch wahrnehmen |
| Grad 5 | Lähmung + Verlust der Tiefensensibilität – Hund spürt keinen Schmerz mehr in den Hinterbeinen → NOTFALL! Prognose wird schnell schlechter |
Symptome bei Brust-/Lendenwirbelsäulen-Vorfall
- Aufgekrümmter Rücken (Kyphose)
- Berührungsempfindlichkeit am Rücken
- Unwilligkeit zu springen (aufs Sofa, ins Auto)
- Steifer, schwankender Gang der Hinterbeine
- Überkreuzen der Hinterbeine beim Laufen
- Schmerzhaftes Aufschreien bei bestimmten Bewegungen
- Zittern, Hecheln
- Schwäche oder Lähmung der Hinterbeine
- Inkontinenz (Harn und/oder Kot)
Symptome bei Halswirbelsäulen-Vorfall
- Steifer Hals – Hund will den Kopf nicht senken (frisst z. B. nicht aus dem Napf)
- Schmerzäußerungen beim Hochheben
- Lahmheit in einer Vordergliedmaße
- Unsicherer Gang aller vier Beine
- In schweren Fällen: Lähmung aller vier Gliedmaßen (Tetraparese)
🚨 Wann sofort zum Tierarzt?
- Dein Hund kann plötzlich nicht mehr laufen oder die Hinterbeine versagen
- Akutes Aufschreien und danach Bewegungsverweigerung
- Koordinationsstörungen – der Hund taumelt wie betrunken
- Inkontinenz – Hund verliert unkontrolliert Urin oder Kot
- Hund reagiert nicht auf Schmerzreiz an den Hinterbeinen (Zwicken in die Zehe → keine Reaktion = Grad 5!)
- Jede Verschlechterung der Symptome
WICHTIG: Bei Grad 5 (Lähmung ohne Tiefenschmerz) zählt jede Stunde! Die OP sollte innerhalb von 24–48 Stunden nach dem Verlust der Tiefensensibilität erfolgen. Danach sinkt die Erfolgsrate drastisch.
Diagnose
Klinische und neurologische Untersuchung
- Gangbild beurteilen
- Reflexe prüfen
- Schmerzlokalisation
- Tiefensensibilität testen (wichtig für die Prognose!)
Bildgebung
MRT (Magnetresonanztomographie):
- Goldstandard! Zeigt Bandscheibe, Rückenmark und Weichgewebe in höchster Auflösung
- Erfordert Vollnarkose
- Kosten: 800–1.500 €
CT (Computertomographie):
- Schneller als MRT, ebenfalls in Narkose
- Gut für die OP-Planung
- Kosten: 400–800 €
Myelographie:
- Kontrastmittel wird in den Wirbelkanal injiziert, dann Röntgenaufnahme
- Ältere Methode, heute meist durch MRT/CT ersetzt
Behandlung
Konservative Behandlung (ohne OP)
Kommt in Frage bei:
- Grad 1–2: Schmerzen und leichte Koordinationsstörungen
- Erster Vorfall mit milden Symptomen
- Wenn eine OP aus anderen Gründen nicht möglich ist
Maßnahmen:
- Strikte Ruhe: 4–6 Wochen Boxenruhe oder stark eingeschränkter Bewegungsraum – das ist der wichtigste Punkt!
- Schmerzmittel: NSAID (Meloxicam, Carprofen) oder stärkere Schmerzmittel (Tramadol, Gabapentin)
- Muskelrelaxantien: Bei Muskelverspannungen
- Physiotherapie: Nach der Akutphase – Muskelaufbau, Koordination
- Kurze Leinenspaziergänge nur zum Lösen
Erfolgsrate konservativ: Bei Grad 1–2 sprechen ca. 50–80 % der Hunde gut auf konservative Therapie an. Allerdings ist das Rückfallrisiko höher als nach einer OP.
Operative Behandlung
Empfohlen oder notwendig bei:
- Grad 3–5 – je schwerer, desto dringender
- Verschlechterung trotz konservativer Therapie
- Wiederkehrende Vorfälle
- Grad 5 = NOTFALL-OP innerhalb von 24–48 Stunden
OP-Methoden:
Hemilaminektomie / Ventral Slot:
- Zugang zum Wirbelkanal, Entfernung des vorgefallenen Bandscheibenmaterials
- Druckentlastung des Rückenmarks
- Dauer: 1–3 Stunden
Fenestration:
- Vorbeugender Eingriff – der Gallertkern wird aus benachbarten Bandscheiben entfernt, um weitere Vorfälle zu verhindern
- Wird oft zusätzlich zur Hemilaminektomie durchgeführt
Kosten der OP
| Leistung | Kosten (ca.) |
|---|---|
| MRT/CT | 500–1.500 € |
| Bandscheiben-OP | 2.000–4.000 € |
| Stationärer Aufenthalt (2–5 Tage) | 300–800 € |
| Nachsorge + Physiotherapie | 300–600 € |
| Gesamt | ca. 3.000–6.000 € |
Rehabilitation nach der OP
Die Rehabilitation ist entscheidend für den Erfolg:
Woche 1–2: Strikte Ruhe
- Boxenruhe
- Hund muss getragen werden oder in einem eingegrenzten Bereich bleiben
- Nur an der kurzen Leine zum Lösen
- Medikamente wie verordnet
Woche 3–6: Vorsichtige Mobilisation
- Kurze Leinenspaziergänge (5–10 Minuten)
- Physiotherapie beginnen (Unterwasserlaufband!)
- Passive Bewegungsübungen
- Langsame Steigerung
Woche 7–12: Aufbau
- Längere Spaziergänge
- Weiterhin Physiotherapie
- Muskelaufbauübungen
- Schwimmen (wenn möglich)
Ab Woche 12: Normalisierung
- Langsame Rückkehr zum normalen Aktivitätslevel
- Kein Springen, kein Treppensteigen für weitere Wochen
- Gewichtsmanagement beibehalten
Prognose
| Schweregrad | Prognose mit OP | Prognose ohne OP |
|---|---|---|
| Grad 1–2 | >95 % Erholung | 50–80 % Erholung |
| Grad 3 | 90–95 % Erholung | 50 % Erholung |
| Grad 4 | 85–90 % Erholung | Schlecht ohne OP |
| Grad 5 (mit OP <24h) | 50–60 % Erholung | <5 % Erholung |
| Grad 5 (OP >48h) | <5–10 % Erholung | Sehr schlecht |
Vorbeugung
- Gewicht im Normalbereich halten – jedes Kilo zu viel belastet die Wirbelsäule
- Springen vermeiden: Rampen für Sofa und Auto, besonders bei prädisponierten Rassen
- Treppensteigen minimieren – Rampe oder Tragen
- Regelmäßige, moderate Bewegung – Muskulatur stärken ohne Extrembelastungen
- Beim Dackel besonders aufpassen: Kein Männchen machen lassen, kein Hochheben an den Vorderbeinen
- Rückengerechtes Tragen: Immer mit einer Hand unter der Brust und einer unter dem Hinterteil
Zusammenfassung
Der Bandscheibenvorfall ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen beim Hund, besonders bei Dackeln und anderen chondrodystrophen Rassen. Die Symptome reichen von Rückenschmerzen bis zur vollständigen Lähmung. Die Prognose hängt entscheidend vom Schweregrad und der Geschwindigkeit der Behandlung ab – besonders bei Grad 5 ist schnelles Handeln überlebenswichtig. Mit konsequenter Rehabilitation nach der OP und angepasster Haltung können die meisten Hunde wieder ein aktives Leben führen. Bei prädisponierten Rassen ist Vorbeugung durch Gewichtsmanagement, Sprungreduktion und rückengerechte Haltung besonders wichtig.