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Hund – Gesundheit18.2.2026

Bandscheibenvorfall beim Hund – Symptome, OP und Prognose

Was ist ein Bandscheibenvorfall beim Hund?

Ein Bandscheibenvorfall (Diskopathie oder Diskushernie) entsteht, wenn das Gewebe einer Bandscheibe in den Wirbelkanal vordringt und auf das Rückenmark oder die austretenden Nerven drückt. Die Bandscheiben liegen wie elastische Puffer zwischen den Wirbelkörpern und bestehen aus einem weichen Gallertkern (Nucleus pulposus), der von einem festen Faserring (Anulus fibrosus) umgeben ist. Wird dieser Faserring geschädigt, kann der Kern austreten und neurologische Ausfälle verursachen.

Typen des Bandscheibenvorfalls

Hansen Typ I (akut):

  • Der Gallertkern reißt durch den Faserring und tritt schlagartig in den Wirbelkanal ein
  • Plötzliche, starke Symptome – von Schmerzen bis zur Lähmung
  • Typisch für chondrodystrophe Rassen (Dackel, Pekinese, Französische Bulldogge, Basset, Beagle, Shih Tzu)
  • Häufig bei jungen bis mittelalten Hunden (3–7 Jahre)
  • Die berühmte „Dackellähme"

Hansen Typ II (chronisch):

  • Der Faserring wölbt sich langsam in den Wirbelkanal vor
  • Schleichende, sich verschlechternde Symptome
  • Typisch für große Rassen (Schäferhund, Labrador, Dobermann)
  • Meist bei älteren Hunden (>5 Jahre)

Besonders betroffene Rassen

  • Dackel (Teckel): Höchstes Risiko – jeder 4. Dackel erleidet im Laufe seines Lebens einen Bandscheibenvorfall!
  • Französische Bulldogge
  • Pekinese
  • Basset Hound
  • Beagle
  • Cocker Spaniel
  • Shih Tzu
  • Deutscher Schäferhund (Typ II)
  • Dobermann (Typ II, besonders im Halsbereich)

Wo treten Bandscheibenvorfälle auf?

  • Brustwirbelsäule/Lendenwirbelsäule (thorakolumbal): Am häufigsten, besonders T11–L2
  • Halswirbelsäule (zervikal): Zweithäufigster Bereich
  • Lendenwirbelsäule (lumbosakral): Cauda-equina-Syndrom

Symptome

Die Symptome hängen davon ab, wo der Vorfall liegt und wie stark das Rückenmark komprimiert wird:

Schweregrade (nach Griffiths)

GradSymptome
Grad 1Nur Schmerzen – Hund zeigt Schmerzäußerungen, aufgekrümmter Rücken, will nicht springen
Grad 2Schmerzen + Koordinationsstörungen – schwankender Gang, überkreuzen der Beine, Gleichgewichtsprobleme
Grad 3Starke Bewegungsstörungen – Hund kann kaum noch laufen, schleifen der Pfoten
Grad 4Lähmung – Hund kann die Hinterbeine nicht mehr bewegen, kann aber Schmerz an den Hinterbeinen noch wahrnehmen
Grad 5Lähmung + Verlust der Tiefensensibilität – Hund spürt keinen Schmerz mehr in den Hinterbeinen → NOTFALL! Prognose wird schnell schlechter

Symptome bei Brust-/Lendenwirbelsäulen-Vorfall

  • Aufgekrümmter Rücken (Kyphose)
  • Berührungsempfindlichkeit am Rücken
  • Unwilligkeit zu springen (aufs Sofa, ins Auto)
  • Steifer, schwankender Gang der Hinterbeine
  • Überkreuzen der Hinterbeine beim Laufen
  • Schmerzhaftes Aufschreien bei bestimmten Bewegungen
  • Zittern, Hecheln
  • Schwäche oder Lähmung der Hinterbeine
  • Inkontinenz (Harn und/oder Kot)

Symptome bei Halswirbelsäulen-Vorfall

  • Steifer Hals – Hund will den Kopf nicht senken (frisst z. B. nicht aus dem Napf)
  • Schmerzäußerungen beim Hochheben
  • Lahmheit in einer Vordergliedmaße
  • Unsicherer Gang aller vier Beine
  • In schweren Fällen: Lähmung aller vier Gliedmaßen (Tetraparese)

🚨 Wann sofort zum Tierarzt?

  • Dein Hund kann plötzlich nicht mehr laufen oder die Hinterbeine versagen
  • Akutes Aufschreien und danach Bewegungsverweigerung
  • Koordinationsstörungen – der Hund taumelt wie betrunken
  • Inkontinenz – Hund verliert unkontrolliert Urin oder Kot
  • Hund reagiert nicht auf Schmerzreiz an den Hinterbeinen (Zwicken in die Zehe → keine Reaktion = Grad 5!)
  • Jede Verschlechterung der Symptome

WICHTIG: Bei Grad 5 (Lähmung ohne Tiefenschmerz) zählt jede Stunde! Die OP sollte innerhalb von 24–48 Stunden nach dem Verlust der Tiefensensibilität erfolgen. Danach sinkt die Erfolgsrate drastisch.

Diagnose

Klinische und neurologische Untersuchung

  • Gangbild beurteilen
  • Reflexe prüfen
  • Schmerzlokalisation
  • Tiefensensibilität testen (wichtig für die Prognose!)

Bildgebung

MRT (Magnetresonanztomographie):

  • Goldstandard! Zeigt Bandscheibe, Rückenmark und Weichgewebe in höchster Auflösung
  • Erfordert Vollnarkose
  • Kosten: 800–1.500 €

CT (Computertomographie):

  • Schneller als MRT, ebenfalls in Narkose
  • Gut für die OP-Planung
  • Kosten: 400–800 €

Myelographie:

  • Kontrastmittel wird in den Wirbelkanal injiziert, dann Röntgenaufnahme
  • Ältere Methode, heute meist durch MRT/CT ersetzt

Behandlung

Konservative Behandlung (ohne OP)

Kommt in Frage bei:

  • Grad 1–2: Schmerzen und leichte Koordinationsstörungen
  • Erster Vorfall mit milden Symptomen
  • Wenn eine OP aus anderen Gründen nicht möglich ist

Maßnahmen:

  • Strikte Ruhe: 4–6 Wochen Boxenruhe oder stark eingeschränkter Bewegungsraum – das ist der wichtigste Punkt!
  • Schmerzmittel: NSAID (Meloxicam, Carprofen) oder stärkere Schmerzmittel (Tramadol, Gabapentin)
  • Muskelrelaxantien: Bei Muskelverspannungen
  • Physiotherapie: Nach der Akutphase – Muskelaufbau, Koordination
  • Kurze Leinenspaziergänge nur zum Lösen

Erfolgsrate konservativ: Bei Grad 1–2 sprechen ca. 50–80 % der Hunde gut auf konservative Therapie an. Allerdings ist das Rückfallrisiko höher als nach einer OP.

Operative Behandlung

Empfohlen oder notwendig bei:

  • Grad 3–5 – je schwerer, desto dringender
  • Verschlechterung trotz konservativer Therapie
  • Wiederkehrende Vorfälle
  • Grad 5 = NOTFALL-OP innerhalb von 24–48 Stunden

OP-Methoden:

Hemilaminektomie / Ventral Slot:

  • Zugang zum Wirbelkanal, Entfernung des vorgefallenen Bandscheibenmaterials
  • Druckentlastung des Rückenmarks
  • Dauer: 1–3 Stunden

Fenestration:

  • Vorbeugender Eingriff – der Gallertkern wird aus benachbarten Bandscheiben entfernt, um weitere Vorfälle zu verhindern
  • Wird oft zusätzlich zur Hemilaminektomie durchgeführt

Kosten der OP

LeistungKosten (ca.)
MRT/CT500–1.500 €
Bandscheiben-OP2.000–4.000 €
Stationärer Aufenthalt (2–5 Tage)300–800 €
Nachsorge + Physiotherapie300–600 €
Gesamtca. 3.000–6.000 €

Rehabilitation nach der OP

Die Rehabilitation ist entscheidend für den Erfolg:

Woche 1–2: Strikte Ruhe

  • Boxenruhe
  • Hund muss getragen werden oder in einem eingegrenzten Bereich bleiben
  • Nur an der kurzen Leine zum Lösen
  • Medikamente wie verordnet

Woche 3–6: Vorsichtige Mobilisation

  • Kurze Leinenspaziergänge (5–10 Minuten)
  • Physiotherapie beginnen (Unterwasserlaufband!)
  • Passive Bewegungsübungen
  • Langsame Steigerung

Woche 7–12: Aufbau

  • Längere Spaziergänge
  • Weiterhin Physiotherapie
  • Muskelaufbauübungen
  • Schwimmen (wenn möglich)

Ab Woche 12: Normalisierung

  • Langsame Rückkehr zum normalen Aktivitätslevel
  • Kein Springen, kein Treppensteigen für weitere Wochen
  • Gewichtsmanagement beibehalten

Prognose

SchweregradPrognose mit OPPrognose ohne OP
Grad 1–2>95 % Erholung50–80 % Erholung
Grad 390–95 % Erholung50 % Erholung
Grad 485–90 % ErholungSchlecht ohne OP
Grad 5 (mit OP <24h)50–60 % Erholung<5 % Erholung
Grad 5 (OP >48h)<5–10 % ErholungSehr schlecht

Vorbeugung

  • Gewicht im Normalbereich halten – jedes Kilo zu viel belastet die Wirbelsäule
  • Springen vermeiden: Rampen für Sofa und Auto, besonders bei prädisponierten Rassen
  • Treppensteigen minimieren – Rampe oder Tragen
  • Regelmäßige, moderate Bewegung – Muskulatur stärken ohne Extrembelastungen
  • Beim Dackel besonders aufpassen: Kein Männchen machen lassen, kein Hochheben an den Vorderbeinen
  • Rückengerechtes Tragen: Immer mit einer Hand unter der Brust und einer unter dem Hinterteil

Zusammenfassung

Der Bandscheibenvorfall ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen beim Hund, besonders bei Dackeln und anderen chondrodystrophen Rassen. Die Symptome reichen von Rückenschmerzen bis zur vollständigen Lähmung. Die Prognose hängt entscheidend vom Schweregrad und der Geschwindigkeit der Behandlung ab – besonders bei Grad 5 ist schnelles Handeln überlebenswichtig. Mit konsequenter Rehabilitation nach der OP und angepasster Haltung können die meisten Hunde wieder ein aktives Leben führen. Bei prädisponierten Rassen ist Vorbeugung durch Gewichtsmanagement, Sprungreduktion und rückengerechte Haltung besonders wichtig.