Was ist das Cushing-Syndrom beim Hund?
Das Cushing-Syndrom (Hyperadrenokortizismus) ist eine hormonelle Erkrankung, bei der der Körper dauerhaft zu viel Kortisol produziert. Kortisol ist ein lebenswichtiges Stresshormon, das in den Nebennieren gebildet wird – aber ein dauerhaftes Überangebot hat schwerwiegende Auswirkungen auf den gesamten Organismus. Das Cushing-Syndrom gehört zu den häufigsten endokrinen (hormonellen) Erkrankungen beim Hund und betrifft vor allem mittelalte und ältere Hunde. Es entwickelt sich schleichend, weshalb die Symptome oft lange als „normale Alterserscheinungen" fehlgedeutet werden.
Die drei Formen des Cushing-Syndroms
1. Hypophysäres Cushing-Syndrom (85 Prozent der Fälle)
Die mit Abstand häufigste Form. Ein kleiner, meist gutartiger Tumor (Adenom) in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) produziert unkontrolliert ACTH – das Hormon, das die Nebennieren zur Kortisolproduktion anregt. Die Nebennieren werden dadurch permanent zur Überproduktion stimuliert und vergrößern sich beidseitig.
2. Adrenales Cushing-Syndrom (15 Prozent der Fälle)
Ein Tumor direkt in einer der Nebennieren produziert eigenständig und unkontrolliert Kortisol. Diese Tumoren können gutartig (Adenom) oder bösartig (Karzinom) sein. Meist ist nur eine Nebenniere betroffen, die andere schrumpft, da sie durch den Feedbackmechanismus weniger ACTH erhält.
3. Iatrogenes Cushing-Syndrom
Entsteht durch langfristige Gabe von Kortison-Medikamenten (Prednisolon, Dexamethason). Der Körper wird von außen mit Kortisol überflutet. Diese Form verschwindet nach dem schrittweisen Absetzen des Kortisons – allerdings muss das Absetzen langsam erfolgen, da die eigene Nebennierenproduktion erst wieder anlaufen muss.
Welche Hunde sind betroffen?
- Alter: Meist Hunde über 6 Jahre, Durchschnittsalter bei Diagnose 10-11 Jahre.
- Rassen mit erhöhtem Risiko: Dackel, Terrier (Yorkshire, Jack Russell, Fox Terrier), Pudel, Beagle, Boxer, Boston Terrier, Labrador Retriever.
- Geschlecht: Keine eindeutige Geschlechtsbevorzugung beim hypophysären Cushing. Bei adrenalen Tumoren sind Hündinnen etwas häufiger betroffen.
- Größe: Kleine Rassen neigen eher zum hypophysären, große Rassen eher zum adrenalen Cushing.
Symptome des Cushing-Syndroms
Die Symptome entwickeln sich schleichend über Monate bis Jahre. Viele Besitzer bemerken die Veränderungen erst rückblickend.
Die klassischen Hauptsymptome
- Vermehrtes Trinken (Polydipsie): Der Hund trinkt deutlich mehr als gewöhnlich – oft das Doppelte bis Dreifache der normalen Menge.
- Vermehrtes Wasserlassen (Polyurie): Entsprechend muss der Hund häufiger und in größeren Mengen Wasser lassen. Manche Hunde werden nachts unsauber.
- Gesteigerter Appetit (Polyphagie): Regelrechte Fresssucht. Der Hund bettelt ständig, stiehlt Futter und frisst Dinge, die er normalerweise nicht anrühren würde.
- Hängebauch (Stammfettsucht): Typisches Erscheinungsbild – dünne Beine, aufgeblähter Bauch. Der Hängebauch entsteht durch Umverteilung des Fetts in den Bauchraum, Lebervergrößerung und Schwächung der Bauchmuskulatur.
- Haarausfall (Alopezie): Symmetrischer, beidseitiger Haarausfall, besonders an den Flanken, am Bauch und am Rücken. Der Kopf und die Beine bleiben oft unverändert. Das Haar wächst nach dem Scheren oft nicht mehr nach.
- Dünne Haut: Die Haut wird papierartig dünn und verletzlich. Blutgefäße schimmern durch.
Weitere Symptome
- Hecheln: Vermehrtes Hecheln, auch in Ruhe und bei kühlen Temperaturen.
- Muskelschwäche: Abbau der Muskulatur, besonders an den Hinterbeinen. Der Hund hat Schwierigkeiten beim Aufstehen und Treppensteigen.
- Müdigkeit und Antriebslosigkeit: Der Hund ist weniger aktiv und schläft mehr.
- Wiederkehrende Harnwegsinfektionen: Das geschwächte Immunsystem und der verdünnte Urin begünstigen Blasenentzündungen.
- Wiederkehrende Hautinfektionen: Pyodermien, Hautpilz und schlecht heilende Wunden.
- Kalzinosis cutis: Kalkablagerungen in der Haut, die sich als harte, weißliche Knoten zeigen. Typisch für fortgeschrittenes Cushing.
- Komedonen (Mitesser): Besonders am Bauch.
- Thromboserisiko: Erhöhte Blutgerinnungsneigung.
- Diabetes mellitus: Cushing kann zu sekundärem Diabetes führen.
Symptome bei Makrotumor (großer Hypophysentumor)
Wenn der Hypophysentumor größer wird (Makroadenom), kann er auf das umgebende Gehirngewebe drücken und neurologische Symptome verursachen:
- Desorientierung und Verwirrtheit
- Kreislaufen oder Kopfpressen gegen die Wand
- Verhaltensveränderungen
- Sehstörungen
- Krampfanfälle
Diagnose
Die Diagnose des Cushing-Syndroms ist komplex und erfordert mehrere Schritte. Kein einzelner Test ist zu 100 Prozent beweisend.
Blut- und Urinuntersuchung (Voruntersuchung)
Typische Laborbefunde, die auf Cushing hindeuten:
- Stark erhöhte alkalische Phosphatase (ALP): Oft der erste Hinweis.
- Erhöhte GPT/ALT: Leberwerte durch Lebervergrößerung.
- Erhöhter Cholesterin- und Triglyceridspiegel
- Stressleukogramm: Typisches Blutbildmuster bei Kortisolüberschuss.
- Niedriges spezifisches Gewicht des Urins: Verdünnter Urin durch die Polydipsie.
Spezifische Hormontests
ACTH-Stimulationstest: Dem Hund wird synthetisches ACTH injiziert. Vor und nach der Injektion wird der Cortisolspiegel gemessen. Bei Cushing ist die Cortisolausschüttung übermäßig stark.
Low-Dose-Dexamethason-Suppressionstest (LDDS): Der sensitivste Screening-Test. Dem Hund wird eine niedrige Dosis Dexamethason verabreicht. Normalerweise unterdrückt Dexamethason die Cortisolproduktion – bei Cushing bleibt der Cortisolspiegel trotzdem hoch.
Urin-Cortisol-Kreatinin-Ratio (UCC): Ein erhöhter Wert im Morgenurin deutet auf Cushing hin. Dieser Test hat eine hohe Sensitivität (erkennt die meisten Fälle), aber eine niedrige Spezifität (auch andere Erkrankungen können den Wert erhöhen).
High-Dose-Dexamethason-Suppressionstest (HDDS): Hilft bei der Unterscheidung zwischen hypophysärem und adrenalem Cushing.
Bildgebung
- Abdominaler Ultraschall: Beurteilt die Größe und Form der Nebennieren. Bei hypophysärem Cushing sind beide Nebennieren vergrößert, bei adrenalem Cushing ist eine vergrößert und die andere verkleinert.
- CT oder MRT des Kopfes: Zur Darstellung des Hypophysentumors. Besonders wichtig, um einen Makrotumor auszuschließen.
Behandlung
Medikamentöse Therapie (Standard)
Trilostan (Vetoryl):
- Das am häufigsten verwendete Medikament zur Behandlung des Cushing-Syndroms.
- Hemmt die Cortisolproduktion in den Nebennieren.
- Wird ein- bis zweimal täglich zum Futter verabreicht.
- Lebenslange Therapie notwendig.
- Regelmäßige ACTH-Stimulationstests zur Dosisanpassung nötig (anfangs alle 2-4 Wochen, später alle 3-6 Monate).
- Symptome bessern sich meist innerhalb von 2-4 Wochen (weniger trinken/urinieren, mehr Energie).
- Das Nachwachsen des Fells kann mehrere Monate dauern.
Überwachung und Nebenwirkungen:
- Zu starke Cortisolsenkung kann zu einem Addison-Ähnlichen Zustand führen (Schwäche, Erbrechen, Durchfall, Appetitlosigkeit).
- Bei diesen Symptomen: Trilostan absetzen und sofort den Tierarzt kontaktieren!
Chirurgische Therapie
Adrenalektomie (bei adrenalem Cushing):
- Operative Entfernung der betroffenen Nebenniere.
- Kann heilend sein, wenn der Tumor gutartig ist.
- Ein Eingriff mit Risiken – sollte von einem erfahrenen Chirurgen durchgeführt werden.
Hypophysektomie (bei hypophysärem Cushing):
- Operative Entfernung des Hypophysentumors.
- Wird nur in wenigen spezialisierten Zentren durchgeführt.
- Kann heilend sein, erfordert aber eine lebenslange Hormonersatztherapie.
Strahlentherapie
- Bei Makrotumoren der Hypophyse kann eine Strahlentherapie den Tumor verkleinern.
- Reduziert neurologische Symptome.
- Verfügbar in spezialisierten Veterinärzentren.
Behandlung des iatrogenen Cushing
- Schrittweises Ausschleichen der Kortisonmedikamente unter tierärztlicher Aufsicht.
- Niemals Kortison abrupt absetzen – die eigene Nebennierenproduktion muss sich erst erholen!
Leben mit einem Cushing-Hund
- Geduld: Die Symptombesserung braucht Zeit. Weniger Trinken und Urinieren innerhalb weniger Wochen, Fellnachwuchs über Monate.
- Regelmäßige Kontrollen: Die Trilostan-Dosis muss regelmäßig überprüft und angepasst werden.
- Medikamentengabe nicht vergessen: Trilostan muss täglich und möglichst immer zur gleichen Zeit mit dem Futter verabreicht werden.
- Hautpflege: Die dünne Haut ist verletzungsanfällig – vermeide grobe Bürsten und achte auf Verletzungen.
- Gewichtsmanagement: Trotz des gesteigerten Appetits solltest du die Futtermenge kontrollieren.
- Bewegung anpassen: Moderate Bewegung ja, Überanstrengung vermeiden – die geschwächte Muskulatur braucht Zeit zur Erholung.
Prognose
- Hypophysäres Cushing mit Trilostan: Gut eingestellte Hunde können noch 2-5 Jahre leben und haben eine gute Lebensqualität.
- Adrenales Cushing mit Operation: Bei gutartigem Tumor gute Prognose nach erfolgreicher OP.
- Makrotumor mit neurologischen Symptomen: Vorsichtige Prognose, aber Strahlentherapie kann helfen.
- Unbehandelt: Das Cushing-Syndrom schreitet fort und führt zu schwerwiegenden Komplikationen (Thrombosen, Infektionen, Diabetes).
🚨 Wann zum Tierarzt?
- Bei auffällig vermehrtem Trinken und Wasserlassen
- Bei unerklärlichem Haarausfall, besonders symmetrisch an den Flanken
- Bei Hängebauch in Kombination mit dünner Haut
- Bei wiederkehrenden Hautinfektionen oder Blasenentzündungen
- Wenn dein Hund Trilostan bekommt und plötzlich Erbrechen, Durchfall oder Schwäche zeigt (Überdosierung!)
- Bei neurologischen Symptomen (Desorientierung, Kreislaufen, Krampfanfälle)
Zusammenfassung
Das Cushing-Syndrom ist eine häufige hormonelle Erkrankung älterer Hunde, die durch ein Überangebot an Kortisol entsteht. Die klassischen Symptome – vermehrtes Trinken, Hängebauch, Haarausfall und dünne Haut – entwickeln sich schleichend und werden oft als Alterserscheinungen abgetan. Eine gezielte Diagnostik mit Hormontests und Bildgebung sichert die Diagnose. Die Standardtherapie mit Trilostan ist bei den meisten Hunden sehr effektiv und verbessert die Lebensqualität deutlich. Regelmäßige Kontrollen und eine gute Zusammenarbeit mit dem Tierarzt sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Langzeitbehandlung.