Die Siamkatze – Eleganz mit Stimme
Die Siamkatze gehört zu den ältesten und bekanntesten Katzenrassen der Welt. Mit ihren leuchtend blauen Augen, dem schlanken, muskulösen Körper und dem unverwechselbaren Point-Muster zieht sie alle Blicke auf sich. Doch was diese Rasse wirklich einzigartig macht, ist ihr außergewöhnlicher Charakter: Die Siamkatze ist gesprächig, intelligent, anhänglich und fordernd – ein Vollzeit-Begleiter auf vier Pfoten.
Geschichte und Herkunft
Die Siamkatze stammt aus dem heutigen Thailand, das früher als Siam bekannt war. In alten thailändischen Manuskripten, den sogenannten „Tamra Maew" (Gedichte über Katzen) aus dem 14. Jahrhundert, werden Katzen mit hellen Körpern und dunklen Extremitäten beschrieben, die als Glücksbringer galten. Sie lebten in Palästen und Tempeln und wurden als königliche Schätze angesehen.
Im späten 19. Jahrhundert gelangten die ersten Siamkatzen nach Europa. 1884 brachte der britische Generalkonsul Edward Blencowe Gould ein Paar Siamkatzen namens Pho und Mia von Bangkok nach London. Sie erregten auf der Crystal Palace Cat Show großes Aufsehen – niemand hatte zuvor eine Katze mit solch ungewöhnlicher Färbung gesehen.
Seitdem hat sich das Erscheinungsbild der Siamkatze durch die Zucht deutlich verändert. Der ursprüngliche, rundlichere Typ (heute als „Traditional Siamese" oder „Thai" bezeichnet) wurde zugunsten eines extrem schlanken, langgestreckten Körperbaus mit dreieckigem Kopf und großen Ohren (moderner Typ) selektiert. Beide Typen existieren heute nebeneinander.
Charakter und Wesen
Die Stimme der Siamkatze
Das markanteste Merkmal der Siamkatze ist ihre Stimme. Siamesen sind die gesprächigsten aller Katzenrassen und teilen ihren Menschen praktisch alles mit – lautstark, mit einer erstaunlichen Bandbreite an Tönen. Von tiefem Brummen über melodisches Gurren bis zu durchdringendem Rufen: Eine Siamkatze hat zu jedem Anlass den passenden Kommentar.
Manche Besitzer beschreiben die Kommunikation als regelrechte Unterhaltung – die Katze antwortet tatsächlich, wenn man mit ihr spricht. Wer eine stille Katze sucht, ist bei der Siamkatze definitiv falsch.
Intelligenz und Lernfähigkeit
Siamkatzen sind außerordentlich intelligent. Sie lernen schnell, Türen zu öffnen, Schubladen aufzuziehen und Dinge zu apportieren. Viele Siamesen können einfache Tricks erlernen und reagieren auf ihren Namen. Diese Intelligenz bedeutet aber auch, dass Langeweile schnell zu destruktivem Verhalten führt.
Anhänglichkeit und Sozialverhalten
Die Siamkatze ist kein Hintergrundtier. Sie will aktiv am Leben ihrer Menschen teilnehmen und toleriert es schlecht, ignoriert zu werden. Typisch für Siamesen ist:
- Ständiger Körperkontakt: Sie liegen am liebsten auf dem Schoß, auf der Schulter oder unter der Bettdecke
- Verfolgungsverhalten: Sie folgen ihrem Menschen von Raum zu Raum
- Trennungsempfindlichkeit: Längeres Alleinsein kann zu Stress und Verhaltensproblemen führen
- Starke Bindung an eine Bezugsperson: Obwohl sie die ganze Familie akzeptieren, haben sie oft einen klaren Lieblingsmenschen
Spieltrieb und Aktivität
Siamesen sind bis ins hohe Alter ausgesprochen verspielt und aktiv. Sie lieben interaktive Spielzeuge, Jagdspiele und alles, was ihre Geschicklichkeit fordert. Ein Kratzbaum mit vielen Ebenen, Kletterbretter an der Wand und regelmäßige Spielsessions sind ein Muss.
Haltung und Pflege
Einzelhaltung oder Gesellschaft?
Die wichtigste Empfehlung für die Siamkatzenhaltung: Halte sie nicht allein! Eine Siamkatze, die den ganzen Tag ohne Gesellschaft ist, wird unglücklich, lautstark und kann Verhaltensprobleme entwickeln. Ideal ist:
- Ein Artgenosse, am besten ebenfalls eine Siamkatze oder eine andere aktive Rasse
- Ein Haushalt, in dem immer jemand zu Hause ist
- Alternativ: Freigang (wenn die Umgebung sicher ist)
Wohnungshaltung oder Freigang?
Siamkatzen können sowohl in reiner Wohnungshaltung als auch mit Freigang gehalten werden. Bei Wohnungshaltung ist eine ausreichende Beschäftigung absolut essenziell. Die Wohnung sollte katzengerecht eingerichtet sein mit:
- Hohen Klettermöglichkeiten
- Aussichtsplätzen am Fenster
- Verschiedenen Spielzeugen, die regelmäßig ausgetauscht werden
- Intelligenzspielzeug für geistige Auslastung
Bei Freigang besteht immer das Risiko von Unfällen und Diebstahl – Siamkatzen sind aufgrund ihres auffälligen Aussehens leider begehrte Diebesgut-Kandidaten. Ein gesicherter Garten oder Balkon ist ein guter Kompromiss.
Fellpflege
Die Fellpflege der Siamkatze ist unkompliziert. Das kurze, feine Fell hat kaum Unterwolle und verfilzt nicht. Einmal wöchentliches Bürsten reicht aus, um lose Haare zu entfernen und das Fell glänzend zu halten. Die meisten Siamkatzen genießen das Bürsten als Streicheleinheit.
Ernährung
Siamkatzen sind von Natur aus schlank und elegant, neigen aber im Alter manchmal zu Übergewicht. Füttere hochwertiges Katzenfutter mit hohem Fleischanteil. Aufgrund der Neigung zu Nierenproblemen ist eine hohe Flüssigkeitsaufnahme besonders wichtig – biete immer frisches Wasser an, am besten über einen Trinkbrunnen, und bevorzuge Nassfutter gegenüber Trockenfutter.
Point-Färbung – Wie entsteht sie?
Die charakteristische Färbung der Siamkatze ist ein faszinierendes Ergebnis der Genetik. Die Siamkatze trägt ein temperaturempfindliches Gen (cs-Gen), das die Melaninproduktion bei höheren Temperaturen hemmt. An den kühleren Körperstellen – Gesicht (Maske), Ohren, Pfoten und Schwanz – ist die Pigmentierung aktiv und erzeugt die dunklen „Points". Am wärmeren Körperstamm bleibt das Fell hell.
Siamkätzchen werden deshalb komplett weiß geboren – im warmen Mutterleib war die Pigmentierung vollständig gehemmt. Erst in den ersten Lebenswochen entwickeln sich die Points. Auch ältere Siamkatzen dunkeln im Laufe des Lebens nach, besonders wenn sie in kühlerer Umgebung leben.
Die klassischen Point-Farben sind:
- Seal Point: Dunkelbraune bis schwarze Points
- Chocolate Point: Milchschokoladenfarbene Points
- Blue Point: Blaugraue Points
- Lilac Point: Hellgraue Points mit rosigem Schimmer
Rassetypische Krankheiten
Progressive Retinaatrophie (PRA)
Die PRA ist eine erbliche Augenerkrankung, bei der die Netzhaut langsam degeneriert und zur Erblindung führt. Erste Symptome zeigen sich durch verschlechtertes Sehen bei Dämmerung und Nacht. Betroffene Katzen stoßen gegen Möbel, sind unsicher in unbekannter Umgebung und ihre Pupillen wirken auffällig geweitet. Es gibt Gentests, die seriöse Züchter einsetzen.
Amyloidose
Die Amyloidose ist eine besonders bei Siamesen und verwandten Rassen vorkommende Erkrankung, bei der sich abnormales Protein (Amyloid) in Organen ablagert. Am häufigsten ist die Leber betroffen (Leberamyloidose), was zu Leberversagen führen kann. Symptome sind Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Gelbsucht und Bauchfellentzündung.
Leider gibt es keine Heilung und keinen zuverlässigen Gentest. Die Krankheit tritt meist im Alter von einem bis fünf Jahren auf und verläuft oft tödlich. Seriöse Züchter achten auf die Familiengeschichte ihrer Zuchttiere.
Konvergentes Schielen und Nystagmus
Viele Siamkatzen schielen leicht – dies hängt mit der Verkabelung des Sehnervs zusammen, die bei Katzen mit dem cs-Gen anders verläuft. Leichtes Schielen beeinträchtigt die Katze nicht. Ein Nystagmus (rhythmisches Augenzittern) kommt ebenfalls häufiger vor und ist in der Regel harmlos.
Asthma und Atemwegserkrankungen
Siamkatzen haben ein erhöhtes Risiko für Katzenasthma. Symptome sind Husten, pfeifende Atmung und in schweren Fällen Atemnot. Auslöser können Hausstaubmilben, Zigarettenrauch, Parfüm oder Katzenstreu mit starker Staubentwicklung sein.
Megaösophagus
Der Megaösophagus (erweiterte Speiseröhre) kommt bei Siamkatzen häufiger vor als bei anderen Rassen. Die Speiseröhre verliert ihre Fähigkeit, Nahrung in den Magen zu transportieren. Betroffene Katzen würgen ihr Futter kurz nach dem Fressen unverdaut wieder hoch (Regurgitation, nicht zu verwechseln mit Erbrechen).
Mastzelltumoren
Siamkatzen haben ein erhöhtes Risiko für bestimmte Tumorarten, insbesondere Mastzelltumoren und Lymphome. Regelmäßige tierärztliche Kontrollen und das Abtasten auf ungewöhnliche Knoten sind wichtig.
Psychogene Alopezie
Aufgrund ihrer sensiblen Natur neigen Siamkatzen bei Stress zum übermäßigen Putzen, das bis zum Haarausfall führen kann. Betroffen sind meist Bauch, Innenschenkel und Flanken. Die Behandlung zielt auf die Beseitigung der Stressursache ab.
Lebenserwartung und Vorsorge
Die Siamkatze hat eine Lebenserwartung von 12 bis 15 Jahren, wobei viele Vertreter auch 18 bis 20 Jahre alt werden können. Für ein langes, gesundes Leben sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Tierarzt unerlässlich:
- Jährliche Gesundheitschecks mit Blutuntersuchung
- Regelmäßige Impfungen nach Empfehlung des Tierarztes
- Zahnkontrolle und professionelle Zahnreinigung bei Bedarf
- Augenuntersuchung, besonders bei älteren Katzen
- Nieren- und Leberwerte regelmäßig überprüfen
Zusammenfassung
Die Siamkatze ist eine faszinierende, anspruchsvolle und überaus lohnende Katzenrasse. Sie ist kein Haustier für den Hintergrund, sondern ein vollwertiges Familienmitglied, das Aufmerksamkeit, Gesellschaft und Beschäftigung einfordert. Wer ihre Bedürfnisse ernst nimmt und bereit ist, eine enge Beziehung mit einer sehr kommunikativen Katze einzugehen, wird mit einer tiefen, innigen Bindung belohnt, die ihresgleichen sucht. Achte bei der Züchterwahl auf Gesundheitstests und informiere dich über die rassetypischen Erkrankungen, um deiner Siamkatze das bestmögliche Leben zu bieten.