Was ist ein Lymphom?
Das Lymphom (malignes Lymphom oder Lymphosarkom) ist einer der häufigsten Tumoren bei Katzen und macht etwa 30 Prozent aller Tumorerkrankungen bei der Katze aus. Lymphome entstehen aus Lymphozyten – einer Art weißer Blutkörperchen, die eine zentrale Rolle im Immunsystem spielen. Da Lymphozyten im gesamten Körper vorkommen (Lymphknoten, Milz, Darm, Knochenmark, Leber und viele weitere Organe), können Lymphome an nahezu jeder Stelle auftreten. In diesem Ratgeber erfährst du alles über die verschiedenen Formen, Symptome, Diagnose und Behandlung von Lymphomen bei Katzen.
Ursachen und Risikofaktoren
Felines Leukämievirus (FeLV)
Historisch war FeLV der wichtigste Risikofaktor für Lymphome bei Katzen. FeLV-positive Katzen haben ein 60-fach erhöhtes Lymphomrisiko. Durch die verbreitete FeLV-Impfung und Testprogramme ist die Häufigkeit von FeLV-assoziierten Lymphomen jedoch deutlich zurückgegangen.
Felines Immundefizienzvirus (FIV)
FIV-positive Katzen haben ebenfalls ein erhöhtes Lymphomrisiko (etwa 5-fach).
Chronische Entzündungen
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Inflammatory Bowel Disease, IBD) stehen in Verdacht, die Entwicklung gastrointestinaler Lymphome zu begünstigen. Der genaue Zusammenhang wird noch erforscht.
Andere Faktoren
- Höheres Alter (gastrointestinale Lymphome)
- Umweltfaktoren (Tabakrauch, bestimmte Chemikalien werden diskutiert)
- Genetische Prädisposition
Formen des Lymphoms bei Katzen
Lymphome werden nach ihrer Lokalisation eingeteilt. Bei Katzen treten vor allem folgende Formen auf:
Gastrointestinales (alimentäres) Lymphom
Die mit Abstand häufigste Form bei Katzen (50 bis 70 Prozent aller felinen Lymphome). Betrifft den Magen-Darm-Trakt:
Symptome:
- Chronischer Gewichtsverlust (oft über Wochen bis Monate)
- Wechselnder Appetit – mal normal, mal vermindert
- Erbrechen
- Durchfall oder veränderte Kotbeschaffenheit
- Aufgegaster Bauch
- Tastbare Verdickungen oder Massen im Bauchraum
Unterformen:
- Kleinzelliges (low-grade) Lymphom: Langsam wachsend, oft schwer von IBD zu unterscheiden. Bessere Prognose.
- Großzelliges (high-grade) Lymphom: Aggressiver, schneller Verlauf. Schlechtere Prognose.
Mediastinales Lymphom
Betrifft die Lymphknoten und das Thymusgewebe im Brustkorb:
Symptome:
- Atemnot (das häufigste und auffälligste Symptom)
- Schnelle, flache Atmung
- Zyanose (bläuliche Schleimhäute)
- Pleuraerguss (Flüssigkeit im Brustkorb)
- Schluckbeschwerden
- Geschwollenes Gesicht oder Hals (bei Kompression der Blutgefäße)
Diese Form tritt häufiger bei jungen, FeLV-positiven Katzen auf.
Multizentrisches Lymphom
Generalisierte Vergrößerung der peripheren Lymphknoten (Hals, Achseln, Leisten, Kniekehlen):
Symptome:
- Geschwollene, gut tastbare Lymphknoten
- Appetitlosigkeit
- Gewichtsverlust
- Fieber
- Lethargie
Diese Form ist bei Katzen seltener als bei Hunden.
Nasales Lymphom
Betrifft die Nasenhöhle und die Nasennebenhöhlen:
Symptome:
- Einseitiger oder beidseitiger Nasenausfluss (oft blutig)
- Niesanfälle
- Geschwollener Nasenrücken
- Atembeschwerden durch die Nase
Renales Lymphom
Betrifft die Nieren:
Symptome:
- Vergrößerte, tastbare Nieren
- Nierenversagen (vermehrtes Trinken, vermehrtes Urinieren, Appetitlosigkeit, Erbrechen)
- Gewichtsverlust
Weitere Lokalisationen
- Kutanes Lymphom: Hautveränderungen, Knoten, Plaques
- ZNS-Lymphom: Neurologische Symptome (Anfälle, Lähmungen)
- Okuläres Lymphom: Augenveränderungen (Uveitis, Blutungen)
Diagnose
Erste Untersuchungen
- Klinische Untersuchung: Abtasten der Lymphknoten, Bauchpalpation, Auskultation der Lunge.
- Blutuntersuchung: Blutbild, Organwerte, FeLV- und FIV-Test.
- Bildgebung: Röntgen (Brustkorb) und Ultraschall (Bauch) zur Lokalisierung und Staging.
Gewebeuntersuchung
- Feinnadelaspiration (FNA): Von vergrößerten Lymphknoten oder Massen. Zytologie kann den Verdacht auf ein Lymphom bestätigen.
- Biopsie und Histopathologie: Goldstandard zur Diagnose! Besonders beim gastrointestinalen Lymphom ist die Unterscheidung zwischen kleinzelligem Lymphom und IBD oft nur histopathologisch möglich.
- Endoskopie: Zur Gewinnung von Darmbiopsien bei Verdacht auf gastrointestinales Lymphom.
- Immunhistochemie: Differenzierung zwischen B-Zell- und T-Zell-Lymphom (hat prognostische Bedeutung).
Staging
- Ultraschall Abdomen: Darmwandverdickung, Lymphknotenvergrößerung, Organveränderungen.
- Röntgen Thorax: Mediastinale Massen, Pleuraerguss.
- Knochenmarkspunktion: Bei generalisiertem Lymphom zur Beurteilung der Knochenmarksbeteiligung.
Behandlung
Chemotherapie
Die Chemotherapie ist die Hauptbehandlung für Lymphome bei Katzen:
Kleinzelliges gastrointestinales Lymphom:
- Chlorambucil und Prednisolon: Das Standardprotokoll. Beide Medikamente werden oral verabreicht (Tabletten). Die Therapie ist nebenwirkungsarm und wird von den meisten Katzen gut vertragen.
- Ansprechrate: Über 85 Prozent.
- Dauer: Oft lebenslang, aber gut handhabbar.
Großzelliges Lymphom (alle Lokalisationen):
- COP-Protokoll: Cyclophosphamid, Vincristin (Oncovin), Prednisolon. Ein gängiges Protokoll.
- CHOP-Protokoll: Wie COP, aber mit Doxorubicin. Intensiver, aber potenziell höhere Ansprechraten.
- Lomustine (CCNU): Alternative Option.
- Ansprechrate: 50 bis 70 Prozent.
Strahlentherapie
- Besonders bei nasalem Lymphom oft die Therapie der Wahl (hohe Ansprechraten)
- Auch bei lokalen, nicht operablen Lymphomen
- Erfordert spezialisierte Einrichtungen
Chirurgie
- Selten die primäre Therapie bei Lymphomen (da es sich um eine systemische Erkrankung handelt)
- Kann bei einzelnen, lokalisierten Massen sinnvoll sein (z. B. Darmobstruktion)
- Diagnostische Chirurgie (Biopsien) ist häufig
Supportive Therapie
- Appetitanreger: Mirtazapin bei Appetitlosigkeit.
- Anti-Erbrechen-Medikamente: Maropitant bei Übelkeit.
- Vitamin B12: Häufig erniedrigt bei gastrointestinalem Lymphom.
- Schmerzmanagement: Nach Bedarf.
- Ernährungsunterstützung: Hochverdauliches, energiereiches Futter.
Prognose
Die Prognose variiert stark je nach Form und Grad des Lymphoms:
Kleinzelliges gastrointestinales Lymphom
- Beste Prognose: Mediane Überlebenszeit 2 bis 3 Jahre mit Behandlung.
- Manche Katzen leben mit Therapie über 4 bis 5 Jahre.
- Gute Lebensqualität unter Therapie.
Großzelliges gastrointestinales Lymphom
- Mediane Überlebenszeit: 4 bis 9 Monate mit Chemotherapie.
- Ohne Behandlung: Wochen bis wenige Monate.
Mediastinales Lymphom
- Variable Prognose: 2 bis 12 Monate mit Chemotherapie.
- FeLV-negative Katzen haben tendenziell eine bessere Prognose.
Nasales Lymphom
- Relativ gute Prognose: Mit Strahlentherapie mediane Überlebenszeiten von 12 bis 24 Monaten.
Multizentrisches Lymphom
- Mediane Überlebenszeit: 4 bis 6 Monate mit Chemotherapie.
Renales Lymphom
- Schlechtere Prognose: Besonders bei beidseitigem Befall oder ZNS-Beteiligung.
Lebensqualität während der Behandlung
Ein wichtiger Aspekt bei der Behandlung von Lymphomen ist die Lebensqualität. Die Chemotherapie bei Katzen ist in der Regel deutlich besser verträglich als beim Menschen:
- Die meisten Katzen zeigen keine oder nur milde Nebenwirkungen (leichte Übelkeit, vorübergehende Appetitlosigkeit).
- Haarausfall tritt bei Katzen in der Regel nicht auf.
- Schwerere Nebenwirkungen (Fieber, Infektionen) sind selten und meist gut behandelbar.
Das Ziel der Behandlung ist immer, die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern – nicht nur die Lebensdauer zu verlängern.
Zusammenfassung
Das Lymphom ist einer der häufigsten Tumoren bei Katzen, wobei die gastrointestinale Form dominiert. Die Symptome hängen von der Lokalisation ab – Gewichtsverlust, Erbrechen und Durchfall bei gastrointestinalem Lymphom, Atemnot bei mediastinalem Lymphom, geschwollene Lymphknoten bei multizentrischem Lymphom. Die Diagnose erfordert in der Regel eine Biopsie mit Histopathologie. Chemotherapie ist die Hauptbehandlung und wird von Katzen meist gut vertragen. Besonders beim kleinzelligen gastrointestinalen Lymphom sind lange Überlebenszeiten mit guter Lebensqualität möglich. FeLV-Impfung und Testen helfen, das Lymphomrisiko zu senken.