Was sind Mastzelltumoren?
Mastzelltumoren (Mastozytome) sind die häufigsten bösartigen Hauttumoren beim Hund und machen etwa 15 bis 20 Prozent aller Hauttumoren aus. Sie entstehen aus Mastzellen – Immunzellen, die normalerweise an allergischen und entzündlichen Reaktionen beteiligt sind und Histamin, Heparin und andere Botenstoffe enthalten. Die Besonderheit dieser Tumoren: Sie können extrem unterschiedlich aussehen und sich sehr verschieden verhalten – von gutartigen, gut behandelbaren Knoten bis hin zu aggressiven, metastasierenden Tumoren. Deshalb gilt beim Erkennen von Tumoren die Regel: Jeden Knoten untersuchen lassen!
Wie sehen Mastzelltumoren aus?
Das Tückische an Mastzelltumoren ist, dass sie kein einheitliches Erscheinungsbild haben. Sie werden oft als „die großen Nachahmer" bezeichnet, weil sie fast jede andere Hautveränderung imitieren können:
- Kleine, unscheinbare Hautknötchen
- Weiche Beulen, die wie Lipome wirken
- Rötliche, erhabene Hautveränderungen
- Große, ulzerierende Massen
- Flache, nicht erhabene Hautverdickungen
Typische Merkmale
- Größenveränderungen: Mastzelltumoren können innerhalb kurzer Zeit anschwellen und wieder abschwellen (durch Histaminausschüttung).
- Rötung und Schwellung der Umgebung: Die Haut um den Tumor kann gerötet sein (Darier-Zeichen: Bei Manipulation des Tumors wird die Umgebung rot und schwillt an).
- Juckreiz: Durch Histaminfreisetzung kann der Bereich jucken.
- Häufige Lokalisationen: Rumpf (häufigste Stelle), Gliedmaßen, Kopf, Genital- und Perianalbereich.
Welche Rassen sind besonders betroffen?
- Boxer (besonders häufig, aber oft niedriggradige Tumoren)
- Mops
- Labrador Retriever
- Golden Retriever
- Boston Terrier
- Staffordshire Terrier
- Rhodesian Ridgeback
- Weimaraner
- Shar Pei (oft hochgradige, aggressive Tumoren)
Diagnose
Feinnadelaspiration (FNA)
Der erste und wichtigste Schritt! Mastzelltumoren lassen sich zytologisch (durch Feinnadelaspiration) in der Regel gut diagnostizieren. Unter dem Mikroskop zeigen sich die typischen Mastzellen mit ihren charakteristischen lilafarbenen Granula (Körnung). Die FNA ist schnell, schmerzarm und liefert in den meisten Fällen eine klare Diagnose.
Histopathologisches Grading
Nach der chirurgischen Entfernung wird das Tumorgewebe histopathologisch untersucht. Das Grading ist der wichtigste prognostische Faktor:
Patnaik-System (klassisch):
- Grad 1 (gut differenziert): Tumorzellen sehen normalen Mastzellen ähnlich. Meist gutartig, geringe Metastasierungsrate.
- Grad 2 (mäßig differenziert): Die größte und problematischste Gruppe. Verhalten schwer vorhersagbar – kann sich gutartig oder aggressiv verhalten.
- Grad 3 (schlecht differenziert): Aggressive Tumorzellen. Hohe Metastasierungsrate, schlechtere Prognose.
Kiupel-System (neuer, zweistufig):
- Low-grade (niedriggradig): Gute Prognose.
- High-grade (hochgradig): Schlechte Prognose, hohes Metastasenrisiko.
Staging (Ausbreitungsdiagnostik)
Bei Grad-2- und Grad-3-Tumoren wird untersucht, ob der Tumor bereits gestreut hat:
- Lymphknotenpunktion: Regionaler Lymphknoten wird punktiert und zytologisch untersucht.
- Ultraschall des Bauchraums: Leber und Milz auf Metastasen untersuchen.
- Blutuntersuchung: Blutbild (bei Mastozytämie können Mastzellen im Blut auftreten).
- Knochenmarkspunktion: In fortgeschrittenen Fällen.
Molekulare Marker
- c-Kit-Mutation: Wird in vielen Mastzelltumoren untersucht. Eine bestimmte Mutation im c-Kit-Gen (interne Tandemduplikation in Exon 11) kann sowohl prognostisch bedeutsam sein als auch die Therapieentscheidung beeinflussen (Ansprechen auf Tyrosinkinase-Inhibitoren).
- Ki67-Index: Maß für die Zellteilungsrate – je höher, desto aggressiver.
- AgNOR: Weiterer Proliferationsmarker.
Behandlung
Chirurgische Entfernung
Die vollständige chirurgische Entfernung ist die wichtigste Behandlungsmethode:
- Sicherheitsabstand: Mindestens 2 cm Sicherheitsabstand in alle Richtungen und eine Faszienschicht in der Tiefe. Bei hochgradigen Tumoren werden größere Ränder empfohlen.
- Histopathologie: Das entnommene Gewebe muss histopathologisch untersucht werden, um das Grading und die Vollständigkeit der Entfernung zu bestimmen.
- Saubere Ränder: „Sauber" bedeutet, dass keine Tumorzellen am Schnittrand gefunden wurden. Bei „schmutzigen" Rändern wird eine Nachoperation oder Bestrahlung empfohlen.
Strahlentherapie
- Wird eingesetzt, wenn der Tumor nicht vollständig entfernt werden konnte (nicht saubere Ränder)
- Auch als alleinige Therapie bei inoperablen Tumoren
- Gut wirksam bei Mastzelltumoren
- Erfordert spezielle Einrichtungen (Tierkliniken mit Strahlentherapie)
Chemotherapie
- Bei metastasierenden oder hochgradigen Tumoren
- Vinblastin/Prednisolon-Protokoll: Das Standardprotokoll mit guten Ansprechraten
- Lomustine (CCNU): Alternative Chemotherapieoption
- Chemotherapie wird bei Hunden in der Regel gut vertragen – schwere Nebenwirkungen wie beim Menschen sind selten
Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI)
- Toceranib (Palladia): Zugelassenes Medikament für die Behandlung von Mastzelltumoren beim Hund. Hemmt gezielt Signalwege, die für das Tumorwachstum wichtig sind.
- Masitinib (Masivet): Weiterer zugelassener TKI.
- Besonders wirksam bei Tumoren mit c-Kit-Mutation
- Kann Nebenwirkungen verursachen: Durchfall, Appetitlosigkeit, Lahmheit, Proteinverlust über die Nieren
Begleittherapie
Da Mastzelltumoren Histamin und andere Botenstoffe freisetzen, werden oft begleitend gegeben:
- H1-Antihistaminika (Diphenhydramin): Gegen Juckreiz und allergische Reaktionen.
- H2-Antihistaminika (Famotidin, Omeprazol): Zum Magenschutz, da Histamin die Magensäureproduktion steigert und Magengeschwüre verursachen kann.
- Kortikosteroide (Prednisolon): Können Mastzelltumoren teilweise schrumpfen lassen und wirken als Teil der Chemotherapie.
Prognose
Die Prognose variiert stark je nach Grad und Stadium:
Low-grade / Grad 1
- Ausgezeichnete Prognose bei vollständiger chirurgischer Entfernung.
- Überlebenszeiten von über 3 bis 5 Jahren sind die Regel.
- Rezidiv- und Metastasierungsrate unter 10 Prozent.
Grad 2
- Variable Prognose – hängt von zusätzlichen Faktoren ab (c-Kit, Ki67, Vollständigkeit der Entfernung).
- Bei vollständiger Entfernung und niedrigem Ki67: gute Prognose.
- Bei unvollständiger Entfernung oder hohem Ki67: moderatere Prognose, ggf. zusätzliche Therapie nötig.
High-grade / Grad 3
- Vorsichtige Prognose. Mediane Überlebenszeiten von 6 bis 12 Monaten auch mit Behandlung.
- Hohe Metastasierungsrate (über 50 Prozent).
- Kombination aus Operation, Chemotherapie und ggf. Bestrahlung bietet die besten Chancen.
Darier-Zeichen und paraneoplastische Syndrome
Mastzelltumoren können durch die Freisetzung von Histamin und anderen Mediatoren systemische Probleme verursachen:
- Magengeschwüre: Durch übermäßige Histamin-bedingte Magensäureproduktion. Symptome: Erbrechen (eventuell mit Blut), Appetitlosigkeit, schwarzer Kot (Meläna).
- Gerinnungsstörungen: Heparin aus Mastzellen kann die Blutgerinnung beeinträchtigen.
- Anaphylaktoide Reaktionen: Starke Histaminfreisetzung bei Manipulation des Tumors kann zu Schwellungen, Rötung, niedrigem Blutdruck oder in seltenen Fällen Schock führen.
Zusammenfassung
Mastzelltumoren sind die häufigsten bösartigen Hauttumoren beim Hund, aber ihr Verhalten ist äußerst variabel. Die Feinnadelaspiration ist der entscheidende Ersttest. Das histopathologische Grading nach der Operation bestimmt die Prognose und weitere Therapie. Niedriggradige Tumoren haben nach vollständiger Entfernung eine ausgezeichnete Prognose. Hochgradige Tumoren erfordern eine aggressive Therapie aus Operation, Chemotherapie und gegebenenfalls Bestrahlung. Begleitende Antihistaminika und Magenschutz gehören zur Standardbehandlung. Lass jeden Hautknoten bei deinem Hund frühzeitig untersuchen – bei Mastzelltumoren kann frühe Diagnose den entscheidenden Unterschied machen.