Was ist Scheinträchtigkeit beim Hund?
Die Scheinträchtigkeit (Pseudogravidität oder Scheinschwangerschaft) ist ein natürliches hormonelles Phänomen bei unkastrierten Hündinnen. Dabei zeigt deine Hündin nach der Läufigkeit körperliche und verhaltensbedingte Anzeichen einer Trächtigkeit – obwohl sie gar nicht gedeckt wurde oder gar nicht trächtig ist. Dieses Verhalten mag dich als Hundebesitzer zunächst irritieren oder sogar beunruhigen, doch es handelt sich um einen ganz natürlichen biologischen Vorgang. In diesem Ratgeber erfährst du, warum Scheinträchtigkeit entsteht, welche Symptome auftreten und wann du handeln solltest.
Warum werden Hündinnen scheinträchtig?
Der hormonelle Hintergrund
Um zu verstehen, warum Scheinträchtigkeit auftritt, muss man den hormonellen Zyklus der Hündin kennen. Nach jeder Läufigkeit durchläuft die Hündin den sogenannten Metöstrus – eine Phase, in der der Gelbkörper auf den Eierstöcken das Hormon Progesteron produziert. Dieses Hormon bereitet den Körper auf eine mögliche Trächtigkeit vor.
Bei einer nicht trächtigen Hündin bildet sich der Gelbkörper nach etwa 60 bis 70 Tagen zurück, und der Progesteronspiegel sinkt. Gleichzeitig steigt das Hormon Prolaktin an – genau dasselbe Hormon, das bei einer tatsächlich trächtigen Hündin die Milchproduktion und das Mutterverhalten auslöst. Der Körper kann nicht unterscheiden, ob eine echte oder keine Trächtigkeit vorliegt. Das Ergebnis: Die Hündin verhält sich, als hätte sie Welpen.
Evolutionärer Sinn
Aus evolutionärer Sicht hat die Scheinträchtigkeit durchaus ihren Zweck. In einem Wolfsrudel war es von Vorteil, wenn auch nicht trächtige Fähen Milch produzieren und sich um die Welpen kümmern konnten. So war die Aufzucht der Jungen auch dann gesichert, wenn der Mutterhündin etwas zustieß. Diese Veranlagung hat sich bei unseren Haushunden erhalten.
Wie häufig tritt Scheinträchtigkeit auf?
Scheinträchtigkeit ist extrem häufig. Studien zeigen, dass bis zu 60 Prozent aller unkastrierten Hündinnen mindestens einmal im Leben deutliche Symptome einer Scheinträchtigkeit zeigen. Manche Hündinnen sind nach jeder Läufigkeit betroffen, andere nur gelegentlich oder nie spürbar. Die Intensität variiert stark – von kaum bemerkbaren Anzeichen bis hin zu ausgeprägten Symptomen.
Symptome der Scheinträchtigkeit
Die Symptome treten typischerweise vier bis acht Wochen nach der Läufigkeit auf und können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Man unterscheidet körperliche und verhaltensbedingte Symptome.
Körperliche Symptome
- Anschwellen des Gesäuges: Die Milchdrüsen schwellen an und können sich warm anfühlen.
- Milchproduktion: In ausgeprägten Fällen bildet die Hündin tatsächlich Milch. Du kannst Tropfen an den Zitzen bemerken.
- Gewichtszunahme: Manche Hündinnen nehmen durch Wassereinlagerungen und vermehrten Appetit an Gewicht zu.
- Vergrößerter Bauch: Durch Wassereinlagerungen kann der Bauch dicker erscheinen.
- Appetitveränderungen: Manche Hündinnen fressen mehr, andere weniger. Fressunlust kann auftreten.
- Vaginaler Ausfluss: Ein leichter, klarer bis leicht schleimiger Ausfluss ist möglich.
Verhaltensänderungen
- Nestbauverhalten: Die Hündin sucht sich einen geschützten Platz, kratzt Decken zusammen und richtet ein „Nest" ein.
- Bemutterung von Ersatzobjekten: Spielzeug, Schuhe oder Kuscheltiere werden wie Welpen behandelt, herumgetragen, bewacht und beleckt.
- Unruhe und Anhänglichkeit: Deine Hündin folgt dir überallhin, winselt oder wirkt rastlos.
- Aggressivität: Manche Hündinnen verteidigen ihr „Nest" oder ihre Ersatzwelpen vehement.
- Lethargie: Einige Hündinnen werden ruhiger und ziehen sich zurück.
- Vermehrtes Lecken am Gesäuge: Die Hündin leckt sich häufig an den Zitzen, was die Milchproduktion zusätzlich anregt.
Wann beginnt die Scheinträchtigkeit und wie lange dauert sie?
Die Symptome setzen in der Regel 4 bis 9 Wochen nach der Läufigkeit ein. Das entspricht dem Zeitpunkt, zu dem bei einer echten Trächtigkeit die Geburt stattfinden würde. Die Dauer der Scheinträchtigkeit variiert:
- Leichte Fälle: Die Symptome klingen nach 1 bis 2 Wochen von selbst ab.
- Mittlere Fälle: 2 bis 3 Wochen mit deutlichen Symptomen.
- Schwere Fälle: Die Symptome können bis zu 4 Wochen oder länger anhalten und erfordern tierärztliche Behandlung.
Scheinträchtigkeit erkennen – Unterscheidung zur echten Trächtigkeit
Wenn deine Hündin gedeckt wurde oder Kontakt zu einem Rüden hatte, kann die Abgrenzung zur echten Trächtigkeit wichtig sein. Ein Tierarzt kann durch Ultraschall (ab dem 21. Tag nach dem Deckakt) oder Blutuntersuchung (Relaxin-Test ab dem 25. Tag) feststellen, ob eine echte Trächtigkeit vorliegt.
Behandlung der Scheinträchtigkeit
Leichte Symptome – was du selbst tun kannst
Bei milden Symptomen ist oft keine tierärztliche Behandlung nötig. Du kannst deiner Hündin aber helfen:
- Ersatzobjekte entfernen: Nimm Spielzeug oder Kuscheltiere weg, die deine Hündin wie Welpen behandelt. Das klingt hart, aber es hilft, den Hormonkreislauf nicht weiter zu befeuern.
- Ablenkung: Lange Spaziergänge, Spielen und geistige Auslastung lenken deine Hündin von ihrem Nestbau- und Mutterverhalten ab.
- Nicht am Gesäuge lecken lassen: Das Lecken regt die Milchproduktion weiter an. Wenn nötig, kannst du einen Body oder ein T-Shirt anziehen, um den Zugang zu den Zitzen zu erschweren.
- Kein Milchausstreichen: Auch wenn es gut gemeint ist – das Ausstreichen der Milch signalisiert dem Körper, dass mehr Milch gebraucht wird.
- Futter leicht reduzieren: Eine leichte Reduktion der Futtermenge kann helfen, die Milchproduktion einzuschränken.
- Kühlende Kompressen: Bei geschwollenem Gesäuge können kühle (nicht eiskalte!) Kompressen Linderung bringen.
Wann zum Tierarzt?
Du solltest zum Tierarzt gehen, wenn:
- Die Milchproduktion sehr stark ist
- Das Gesäuge heiß, hart oder schmerzhaft ist (Verdacht auf Gesäugeentzündung/Mastitis)
- Deine Hündin das Fressen verweigert oder apathisch wirkt
- Aggressives Verhalten zunimmt und unkontrollierbar wird
- Die Symptome nach 3 Wochen nicht abklingen
- Deine Hündin deutlich leidet
Medikamentöse Behandlung
Der Tierarzt kann bei starken Symptomen Medikamente verschreiben:
- Prolaktinhemmer (Cabergolin): Das Standardmedikament bei ausgeprägter Scheinträchtigkeit. Cabergolin senkt den Prolaktinspiegel und damit die Milchproduktion und das Mutterverhalten. Die Behandlung dauert in der Regel 5 bis 10 Tage.
- Nebenwirkungen: Cabergolin wird in der Regel gut vertragen. Gelegentlich können Appetitlosigkeit, Müdigkeit oder leichtes Erbrechen auftreten.
Homöopathie und Hausmittel
Manche Hundebesitzer setzen auf homöopathische Mittel wie Pulsatilla oder Phytolacca. Eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit gibt es dafür nicht. Wenn du solche Mittel ausprobieren möchtest, sprich vorher mit deinem Tierarzt.
Komplikationen der Scheinträchtigkeit
Gesäugeentzündung (Mastitis)
Die häufigste Komplikation ist eine Entzündung der Milchdrüsen. Wenn sich Milch staut und Bakterien eindringen, kann eine schmerzhafte Mastitis entstehen. Anzeichen sind:
- Gerötetes, heißes und geschwollenes Gesäuge
- Schmerzen bei Berührung
- Fieber
- Appetitlosigkeit
Eine Mastitis muss tierärztlich mit Antibiotika behandelt werden. Unbehandelt kann sie zu Abszessen führen.
Gesäugetumoren
Es gibt Hinweise darauf, dass wiederholte Scheinträchtigkeiten mit starker Milchproduktion das Risiko für Gesäugetumoren im Alter erhöhen können. Dies ist jedoch wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Scheinträchtigkeit vorbeugen – hilft Kastration?
Die einzige sichere Methode, Scheinträchtigkeiten dauerhaft zu verhindern, ist die Kastration. Bei der Kastration werden die Eierstöcke entfernt, sodass der hormonelle Zyklus komplett wegfällt.
Wichtig: Die Kastration sollte nicht während einer akuten Scheinträchtigkeit durchgeführt werden. Die Operation sollte im hormonellen Ruhezustand stattfinden – also im Anöstrus, etwa 3 Monate nach der Läufigkeit. Eine Kastration während der Scheinträchtigkeit kann dazu führen, dass die Symptome dauerhaft bestehen bleiben, weil der erhöhte Prolaktinspiegel „eingefroren" wird.
Vorteile der Kastration
- Keine Scheinträchtigkeiten mehr
- Kein Läufigkeitszyklus
- Deutlich geringeres Risiko für Gebärmutterentzündung (Pyometra)
- Geringeres Risiko für Gesäugetumoren (besonders bei Kastration vor der zweiten Läufigkeit)
Nachteile der Kastration
- Irreversibler Eingriff
- Erhöhtes Risiko für Übergewicht
- Mögliche Veränderungen des Fellcharakters
- Bei manchen Rassen erhöhtes Inkontinenzrisiko
- Hormonschwankungen können Verhalten beeinflussen
Häufig gestellte Fragen
Kann eine kastrierte Hündin scheinträchtig werden?
Nach einer vollständigen Kastration (Entfernung beider Eierstöcke) sollte keine Scheinträchtigkeit mehr auftreten. Treten dennoch Symptome auf, kann dies auf verbliebenes Eierstockgewebe (Ovarian Remnant Syndrome) hindeuten. In diesem Fall sollte der Tierarzt eine Hormonuntersuchung durchführen.
Ist Scheinträchtigkeit schmerzhaft?
In leichten Fällen ist die Scheinträchtigkeit nicht schmerzhaft. Bei starker Milchproduktion und geschwollenem Gesäuge kann jedoch Unwohlsein auftreten. Eine Mastitis ist definitiv schmerzhaft und muss behandelt werden.
Muss ich mit meiner Hündin bei Scheinträchtigkeit immer zum Tierarzt?
Nein. Bei leichten Symptomen, die von selbst abklingen, ist kein Tierarztbesuch nötig. Wenn die Symptome jedoch stark sind, lange anhalten oder Komplikationen auftreten, solltest du den Tierarzt aufsuchen.
Wird die Scheinträchtigkeit mit jeder Läufigkeit schlimmer?
Nicht unbedingt. Die Intensität kann von Zyklus zu Zyklus variieren. Manche Hündinnen zeigen einmal starke Symptome und beim nächsten Mal fast keine. Es gibt allerdings Hündinnen, bei denen die Scheinträchtigkeit regelmäßig und ausgeprägt auftritt.
Zusammenfassung
Scheinträchtigkeit ist ein natürlicher hormoneller Vorgang, der bei unkastrierten Hündinnen nach der Läufigkeit auftreten kann. Die Symptome reichen von leichtem Nestbauverhalten bis hin zu deutlicher Milchproduktion und starkem Mutterverhalten. In den meisten Fällen klingen die Symptome nach ein bis drei Wochen von selbst ab. Bei starken Beschwerden helfen Prolaktinhemmer wie Cabergolin. Als dauerhafte Lösung kommt eine Kastration im hormonellen Ruhezustand infrage. Wenn du dir unsicher bist, ob deine Hündin leidet oder ob eine Komplikation vorliegt, wende dich an deinen Tierarzt.