Was ist Herzinsuffizienz?
Herzinsuffizienz (Herzschwäche) bedeutet, dass das Herz deines Hundes nicht mehr in der Lage ist, den Körper ausreichend mit Blut zu versorgen. Es handelt sich nicht um eine einzelne Krankheit, sondern um das Endresultat verschiedener Herzerkrankungen. Die Herzinsuffizienz ist beim Hund relativ häufig – etwa 10 Prozent aller Hunde, die einem Tierarzt vorgestellt werden, haben eine Herzerkrankung, und bei älteren kleinen Rassen liegt die Häufigkeit noch deutlich höher. In diesem Ratgeber erfährst du alles Wichtige über Herzinsuffizienz beim Hund – von den ersten Anzeichen bis zur optimalen Therapie.
Häufige Herzerkrankungen beim Hund
Mitralklappenendokardiose (MMVD)
Die mit Abstand häufigste Herzerkrankung beim Hund. Die Mitralklappe (zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer) verdickt sich und schließt nicht mehr richtig. Blut fließt bei jedem Herzschlag zurück in den Vorhof (Mitralklappeninsuffizienz). Besonders betroffen sind kleine bis mittelgroße Rassen:
- Cavalier King Charles Spaniel (besonders häufig und früh betroffen)
- Dackel
- Yorkshire Terrier
- Chihuahua
- Malteser
- Pudel
Dilatative Kardiomyopathie (DCM)
Bei der DCM erweitert sich die Herzkammer und die Herzmuskulatur wird dünner und schwächer. Das Herz kann sich nicht mehr kraftvoll zusammenziehen. Betroffen sind vor allem große Rassen:
- Dobermann
- Deutsche Dogge
- Boxer
- Irish Wolfhound
- Neufundländer
Weitere Herzerkrankungen
- Angeborene Herzfehler: Ventrikelseptumdefekt, Pulmonalstenose, Aortenstenose und offener Ductus arteriosus (PDA).
- Perikarderguss: Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel.
- Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien): Können primär auftreten oder als Folge anderer Herzerkrankungen.
- Herzwurmerkrankung: Durch Dirofilaria immitis, in Deutschland selten, aber bei Hunden aus dem Mittelmeerraum relevant.
Symptome der Herzinsuffizienz
Die Symptome hängen vom Stadium und der Art der Herzerkrankung ab. Im Frühstadium zeigen viele Hunde keinerlei Beschwerden – das Herz kompensiert die Funktionsstörung über Monate bis Jahre.
Frühe Anzeichen
- Leistungsminderung: Dein Hund wird bei Spaziergängen schneller müde, bleibt häufiger stehen oder will früher nach Hause.
- Erhöhte Atemfrequenz in Ruhe: Normal sind 15 bis 30 Atemzüge pro Minute im Schlaf. Werte über 30 bis 40 können auf eine Herzinsuffizienz hindeuten.
- Leichter Husten: Besonders nachts oder morgens nach dem Aufstehen.
Fortgeschrittene Symptome
- Husten: Ein typisches Symptom der Linksherzinsuffizienz. Der Husten tritt besonders nachts und bei Belastung auf und klingt oft trocken und hackend.
- Atemnot (Dyspnoe): Schwere, beschleunigte Atmung, manchmal mit offenem Maul. Die Katze oder der Hund nimmt eine stehende Position mit abgespreizten Ellbogen ein, um besser atmen zu können.
- Lungenödem: Flüssigkeit in der Lunge – ein Notfall! Der Hund ringt nach Luft und kann schaumigen, teils rosa-blutigen Auswurf zeigen.
- Bauchwasser (Aszites): Bei Rechtsherzinsuffizienz sammelt sich Flüssigkeit im Bauchraum. Der Bauch wirkt aufgebläht.
- Ohnmachtsanfälle (Synkopen): Kurze Bewusstlosigkeit durch mangelnde Blutversorgung des Gehirns.
- Gewichtsverlust: Durch Appetitlosigkeit und den erhöhten Energieverbrauch des kranken Herzens.
- Blaue Schleimhäute (Zyanose): In schweren Fällen verfärben sich Zahnfleisch und Zunge bläulich.
Stadien der Herzinsuffizienz (ACVIM-Klassifikation)
Die Veterinärkardiologie teilt Herzerkrankungen in Stadien ein:
Stadium A
- Hunde mit erhöhtem Risiko, aber ohne Herzerkrankung
- Beispiel: Cavalier King Charles Spaniel ohne Herzgeräusch
- Keine Therapie nötig, regelmäßige Kontrollen empfohlen
Stadium B1
- Herzgeräusch vorhanden, aber keine Herzvergrößerung
- Keine Symptome
- Regelmäßige Kontrollen (Ultraschall, Röntgen)
Stadium B2
- Herzgeräusch und nachweisbare Herzvergrößerung
- Noch keine Symptome
- Medikamentöse Therapie beginnt (Pimobendan bei MMVD)
Stadium C
- Herzinsuffizienz mit aktuellen oder zurückliegenden Symptomen
- Husten, Atemnot, Leistungsminderung
- Intensive medikamentöse Therapie
Stadium D
- Therapieresistente Herzinsuffizienz
- Symptome trotz maximaler Medikation
- Maximale Therapie, ggf. palliative Versorgung
Diagnose
Klinische Untersuchung
Der Tierarzt hört mit dem Stethoskop ein Herzgeräusch und beurteilt dessen Lautstärke (Grad 1 bis 6). Nicht jedes Herzgeräusch bedeutet eine behandlungsbedürftige Herzerkrankung.
Weiterführende Diagnostik
- Echokardiographie (Herzultraschall): Die wichtigste Untersuchung! Zeigt die Herzgröße, Klappenfunktion, Pumpleistung und Blutflussrichtung.
- Röntgen des Brustkorbs: Zeigt die Herzgröße und ob Lungenödem oder Pleuraerguss vorliegen.
- EKG (Elektrokardiogramm): Erfasst Herzrhythmusstörungen.
- Blutdruckmessung: Wichtig für die Therapieüberwachung.
- Blutuntersuchung: Herzbiomarker (proBNP, Troponin), Nieren- und Leberwerte.
Behandlung der Herzinsuffizienz
Medikamentöse Therapie
Die Therapie richtet sich nach dem Stadium und der zugrundeliegenden Erkrankung:
Pimobendan (Vetmedin):
- Ein Inodilatator – stärkt die Herzmuskelkraft und erweitert die Blutgefäße
- Aktuell das wichtigste Herzmedikament beim Hund
- Wird ab Stadium B2 (bei MMVD) oder bei DCM eingesetzt
- Lebensverlängernde Wirkung nachgewiesen
ACE-Hemmer (Benazepril, Enalapril, Ramipril):
- Senken den Blutdruck und entlasten das Herz
- Standardtherapie ab Stadium C
Diuretika (Furosemid, Torasemid):
- Entwässerungsmittel – schwemmen überschüssige Flüssigkeit aus
- Essentiell bei Lungenödem und Bauchwasser
- Dosis muss sorgfältig überwacht werden (Nierenwerte!)
Spironolacton:
- Ein mildes Diuretikum mit zusätzlichen herzschützenden Eigenschaften
- Wird oft zusätzlich zu Furosemid gegeben
Antiarrhythmika:
- Bei Herzrhythmusstörungen (z. B. Sotalol, Mexiletin, Amiodaron)
Ernährung
- Moderate Natriumrestriktion: Kein stark salzhaltiges Futter, keine Tischreste
- Ausreichend Kalorien: Herzkranke Hunde verlieren oft Muskelmasse (kardiale Kachexie)
- Omega-3-Fettsäuren: Können entzündungshemmend und herzunterstützend wirken
- Taurin und L-Carnitin: Supplementierung kann bei bestimmten Formen der DCM sinnvoll sein
Bewegung
- Angepasste Bewegung: Regelmäßige, moderate Spaziergänge sind wichtig. Extreme Belastung, Rennen und Spielen bei Hitze sollten vermieden werden.
- Auf den Hund hören: Wenn dein Hund stehenbleibt oder sich hinlegt, respektiere das.
Monitoring zu Hause
Du kannst zu Hause wertvolle Informationen sammeln:
- Ruheatemfrequenz messen: Zähle die Atemzüge deines schlafenden Hundes pro Minute. Werte dauerhaft über 30 bis 40 deuten auf eine Verschlechterung hin. Es gibt Apps wie „Cardalis" zur Dokumentation.
- Allgemeinbefinden beobachten: Appetit, Aktivität, Hustenfrequenz.
- Gewicht kontrollieren: Plötzliche Gewichtszunahme kann auf Wassereinlagerungen hindeuten.
Prognose
Die Prognose hängt stark von der zugrundeliegenden Erkrankung und dem Stadium ab:
- MMVD Stadium B: Viele Hunde leben noch Jahre ohne Symptome.
- MMVD Stadium C: Mit optimaler Therapie Überlebenszeiten von 1 bis 3 Jahren.
- DCM: Leider oft schlechtere Prognose, besonders beim Dobermann.
Trotz dieser Zahlen gibt es immer individuelle Ausreißer – manche Hunde leben deutlich länger als erwartet.
Wann zum Tierarzt?
Suche sofort den Tierarzt oder eine Tierklinik auf, wenn dein Hund:
- Schwere Atemnot zeigt oder mit offenem Maul atmet
- Einen aufgeblähten Bauch entwickelt
- Ohnmächtig wird
- Blaue Schleimhäute hat
- Husten deutlich zunimmt
- Nicht mehr fressen mag und apathisch ist
Zusammenfassung
Herzinsuffizienz beim Hund ist eine ernste, aber in vielen Fällen gut behandelbare Erkrankung. Früherkennung durch regelmäßige tierärztliche Kontrollen ist entscheidend. Moderne Herzmedikamente wie Pimobendan, ACE-Hemmer und Diuretika können die Lebensqualität und Lebensdauer erheblich verbessern. Durch Monitoring der Ruheatemfrequenz zu Hause und regelmäßige Tierarztbesuche kannst du aktiv zur Gesundheit deines herzkranken Hundes beitragen.